Alte Erzählungen

16
Apr
2013

Alte Erzählung: Fräulein Eisvogel

„Quetzal! Beeilt Euch!“
Genervt zog ich meine Schuhe an und brüllte nach draußen: „Ich komme ja schon!“
Während ich mir meinen Mantel überwarf, murmelte ich: „Nicht einmal in Ruhe anziehen darf man sich.“
Nachdem ich fertig war, trat ich nach draußen und setzte meinen Hut auf. „Wir können gehen.“
Gänseblümchen trat unruhig auf der Stelle. „Wir verpassen den Anfang!“
Ich verdrehte die Augen. „Fräulein Eisvogel wird auf uns warten. Macht Euch keine Sorgen.“
Scheinbar beruhigte das meinen Nachbarn nicht. Er griff nach meiner Hand und zog mich mit zum Marktplatz, auf dem schon einige Leute versammelt waren. Vor allem Kinder waren zu sehen.
„Seht Ihr, sie ist noch nicht einmal da.“
Fräulein Eisvogel ließ sich gerne Zeit. Warum auch nicht? Hektik war schlecht für die Gesundheit.
Es wurde gerade ein kleines Podest aufgebaut und noch immer suchten einige Bürger einen geeigneten Sitzplatz. Es gab hier keine Stühle oder Bänke. Man musste auf dem Boden sitzen. Aber das war für niemanden ein Problem.
Verwundert sah ich auf, als die Bürger unruhig wurden und einige Kinder auf jemanden zeigten.
„Prinzessin Rotkehlchen will auch zuhören?“, fragte Gänseblümchen und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Person, die den Platz betrat.
Ich folgte seinem Blick und tatsächlich: die Prinzessin war hier. Warum hatte sie mir nichts davon gesagt? Ich hätte sie hierher begleiten müssen! Auf dem Weg hätte ihr jemand auflauern können. Es gab überall Diebe, Mörder und Versicherungsvertreter!
Schnell rannte ich zu Rotkehlchen und verbeugte mich. „Euer Majestät, warum wurde ich nicht darüber informiert, dass Ihr der Geschichtenerzählerin zuhören wollt? Ich hätte Euch hierher begleiten müssen.“
Die Prinzessin stemmte die Hände in die Hüfte.
„Ich bin kein kleines Kind, Fräulein Quetzal. Ich kann auch ein paar Schritte allein gehen. Danke“, sagte sie und schien ein wenig eingeschnappt.
… Ich meinte es doch nur gut.
„Außerdem war ich nicht allein. Fräulein Tovisittich hat mich begleitet, allerdings nicht in Ihrer Eigenschaft als Stadtwache.“
Ich runzelte die Stirn und entdeckte dann hinter der Prinzessin tatsächlich das werte Fräulein Tovi, das lächelnd vor mir salutierte. „Guten Tag, Frau Kommandantin.“
„Warum wurde ich hierüber nicht informiert?“, fragte ich die Soldatin.
„Ich war gerade im Schloss, als Ihre Majestät aufbrechen wollte. Da sie wusste, dass Ihr sicherlich vor Sorge sterben würdet, bat sie mich, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Es blieb somit keine Zeit, Euch zu informieren.“
Ich zog eine Schnute. „Ich verstehe. Vielen Dank, Soldatin. Das war alles für heute.“
Tovi nickte lächelnd und nahm ihren Hut ab. „Jawohl, Kommandantin.“
Die Soldatin gesellte sich zu Gänseblümchen und setzte sich neben ihn auf den Boden.
Als ich wieder zur Prinzessin sah, blickte sie mich vorwurfsvoll an. „Ihr solltet Euch nicht immer so viele Sorgen um mich machen. Vor meiner Amtszeit habt Ihr mich nicht so verhätschelt.“
Ich ließ die Schultern hängen. „Ihr wisst genau, warum ich mich sorge. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn Euch etwas passieren würde. Außerdem ist es meine Pflicht als Leibwächterin, Euch zu beschützen.“
„Die Rolle als Leibwächter habt Ihr Euch selbst gegeben. Das wurde niemals beschlossen.“
Ich blickte zur Seite. „Ich sehe es eben als meine Berufung an, Euch zu beschützen. Nicht als Kommandantin, sondern als Eure Freundin.“
Rotkehlchen lächelte leicht. „Vielen Dank, aber ein klein wenig Freiheit würde mir sicher gut tun, meint Ihr nicht?“
Ich nickte lächelnd. „Da habt Ihr wohl recht.“
Die Prinzessin strich mir über den Arm. „Und jetzt warten wir auf Fräulein Eisvogel“, sagte sie und setzte sich auf den dreckigen Boden.
Ich biss mir auf die Unterlippe. „Eure Hoheit, ist das nicht zu… unbequem? Soll ich Euch ein Kissen holen?“
Ich erntete für diese Frage nur einen strengen Blick, der mich zum Schweigen brachte.
Ich meinte es doch wirklich nur gut…
Ich stellte mich neben unsere Herrscherin und beobachtete die Bürger um uns herum. Hoffentlich plante niemand einen Hinterhalt, oder so etwas. Die Prinzessin war hier vollkommen ungeschützt.
Rotkehlchen seufzte leise, nahm meine Hand und zog mich nach unten. „Kommandantin, Ihr seid nun für eine Weile Eures Amtes entbunden. Also setzt Euch.“
„Aber ich muss doch-„
„Das war ein Befehl, Fräulein Quetzal.“
Ich gab mich geschlagen, nahm meinen Hut ab und setzte mich neben die Prinzessin, die ihren Kopf an meine Schulter lehnte.
Ich lächelte leicht und legte einen Arm um sie. Vielleicht passierte ja wirklich nichts und ich machte mir zu viele Sorgen. Zumindest hoffte ich das.
Es dauerte noch eine Weile, dann kam Fräulein Eisvogel auf einem Kiwispucker angeritten. Einige Bürger applaudierten, als die Geschichtenerzählerin das Podest betrat. Sie war hier wirklich beliebt und das zu recht. Ihre Geschichten waren etwas ganz Besonderes.
Als Eisvogel die Prinzessin sah, verbeugte sie sich leicht. „Es freut mich sehr, dass Ihr Euch Zeit genommen habt, Eure Hoheit.“
Rotkehlchen nickte lächelnd. „Das wollte ich auf keinen Fall verpassen, Fräulein Eisvogel.“
Kaum hatte unsere seltene Besucherin mit ihrer Geschichte begonnen, klebten alle Zuhörer förmlich an ihren Lippen. Sie wusste, wie man eine Geschichte erzählen musste, um sie spannend zu machen.
Kaum hatte Fräulein Eisvogel geendet, klatschten die Bürger Beifall, einige schenkten der Reisenden sogar Blumen oder Schokolade.
Nachdem die meisten Zuhörer wieder den Platz verlassen hatten, kam Eisvogel zur Prinzessin.
„Ich hoffe, es hat Euch gefallen, Prinzessin“, sagte die Geschichtenerzählerin lächelnd.
Rotkehlchen stand auf und nickte. „Es war eine wundervolle Geschichte, Fräulein Eisvogel. Ich wünschte, Ihr würdet sie aufschreiben, damit ich sie immer wieder erleben kann.“
Die Erzählerin lachte leise und winkte ab. „Das habe ich schon oft getan, aber sobald ich die Geschichten niederschreibe, geht ein Teil des Zaubers verloren. Kein Buch der Welt kann auf dieselbe Art erzählen, wie ich es tue“, sagte sie und wandte sich dann an Tovi, die sich zusammen mit Gänseblümchen zu uns gesellte.
„Ah, das Fräulein Soldatin hat auch Zeit gefunden?“, fragte Eisvogel schmunzelnd und klopfte Tovi auf die Schulter. „Schön, Euch zu sehen.“
„Die Kommandantin hat mich freundlicherweise frei gestellt“, antwortete die Stadtwache und setzte dann ihren Hut auf. „Aber jetzt ruft die Arbeit wieder.“
Ich schüttelte den Kopf. „Heute wird nicht mehr gearbeitet.“
Eisvogel lachte leise und fragte mich: „Seid wann lässt Euer Pflichtbewusstsein so nach, Frau Kommandantin? Das sind ja ganz neue Töne.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin heute noch im Dienst, Fräulein Eisvogel. Aber es scheint alles ruhig zu sein. Ich schaffe das auch allein.“ Ich setzte ebenfalls meinen Hut wieder auf.
„Das Pflichtbewusstsein wurde also durch ein gesundes Selbstbewusstsein ersetzt, ich verstehe“, meinte die Geschichtenerzählerin und kniff mir in die Wange.
„Ich hatte Eure kleinen Sticheleien geradezu vermisst“, sagte ich und schmunzelte. „Wie lange werdet Ihr diesmal bleiben?“
Eisvogel fuhr sich nachdenklich durch die türkisenen Haare. „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht drei Tage, oder auch länger.“
Ich runzelte die Stirn. „So lange? Normalerweise bleibt Ihr höchstens zwei Tage.“
Hatte sie etwa wieder irgendetwas ausgefressen?
Sie zuckte lächelnd mit den Schultern. „Eure Begeisterung ist wirklich herzerwärmend, Frau Kommandantin.“
Ich hob eine Augenbraue. „Was ist es diesmal? Diebstahl, Schulden oder habt Ihr Euch schon wieder mit irgendwelchen Banden angelegt?“, wollte ich wissen. Eisvogel war ein netter Mensch, aber sie pflegte einen beunruhigenden Lebensstil.
Prinzessin Rotkehlchen griff nach meiner Hand. „Ihr seid noch immer Eures Amtes enthoben, Fräulein Quetzal. Bitte vergesst das nicht“, sagte sie mit einer gewissen Strenge.
Ich seufzte leise und ließ die Schultern hängen. „Jawohl, Euer Majestät.“
Die Geschichtenerzählerin grinste breit. „Gänseblümchen hat Recht. Die Prinzessin hat Euch gut unter Kontrolle.“
Ich blickte zu meinem Nachbarn auf. „Ihr redet über mich?“
Gänseblümchen hob beschwichtigend die Hände. „Wir reden über die verschiedensten Dinge. Ihr seid nun einmal auch ein Thema“, erklärte der Oger.
Gerade wollte ich etwas erwidern, als ich die Sirene hörte. Großartig, ein Einsatz. Soviel zu ‚heute ist es ruhig‘.
„Gänseblümchen, Tovi! Auf Eure Posten!“, ordnete ich an und wandte mich an die Prinzessin. „Ich bringe Euch ins Schloss zurück.“
Rotkehlchen schüttelte den Kopf. „Ich kann das auch allein. Kümmert Euch lieber um den Einsatz. Vielleicht ist es ein Notfall.“
Ich biss mir auf die Unterlippe. Die Prinzessin während eines Alarms allein lassen? Das war ausgesprochen gefährlich. Ich wusste noch nicht einmal, warum die Sirene ertönt war. Vielleicht waren Räuber unterwegs.
„Apfelkuchen wird Euch zurück bringen“, schlug ich deshalb vor, nahm meine Pfeife und rief damit nach meinem Einhorn, das kurze Zeit später auf dem Marktplatz landete.
„Aber ich habe Höhenangst, Quetzal“, sagte die Prinzessin, doch ich zuckte nur mit den Schultern.
„Apfelkuchen wird tief fliegen, keine Sorge“, versicherte ich und half Rotkehlchen beim Aufsteigen.
„Wie Ihr meint…“, sagte die Prinzessin wenig überzeugt und flog dann auf meinem Haustier davon.
Gerade wollte ich mich auf den Weg zur Stadtmitte machen, als mir Löwenzahn und Nachtfalter entgegen kamen.
„Frau Kommandantin, eine Gruppe von Schuldeneintreibern ist unterwegs. Und sie scheinen sehr aggressiv zu sein“, erklärte mir der Faun hastig und salutierte vor mir. „Was sollen wir tun?“
Ich runzelte die Stirn. „Schuldeneintreiber…?“, fragte ich langsam und mein Blick wanderte zu Fräulein Eisvogel, die sich gerade aus dem Staub machen wollte.
„Keinen Schritt weiter!“, sagte ich und hielt die Geschichtenerzählerin am Handgelenk fest. „Ich nehme an, die Schuldeneintreiber sind wegen Euch hier.“
„Ich habe keine Schulden“, beteuerte sie. „Ich habe sie alle abbezahlt.“
„Wie?“
„Durch Kartenspiele. Ich habe mit meinen Gewinnen bezahlt“, sagte Eisvogel und zuckte mit den Schultern. „Es kann natürlich sein, dass sie sauer sind, weil ich so oft gewonnen habe. Sie sind schlechte Verlierer.“
„Es könnte natürlich auch sein, dass Ihr nicht immer ehrlich gespielt habt“, mutmaßte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wusste, dass Eisvogel ihren Lebensunterhalt auf äußerst fragwürdige Art und Weise verdiente. Sie bewegte sich nicht selten am Rand der Kriminalität. Und das, obwohl sie früher auch zur Stadtwache gehört hatte. Einzig für ihre ‚Freiheit‘ hatte sie ihr Leben hier aufgegeben.
Ich seufzte schwer. „Löwenzahn, Nachtfalter! Geht schon einmal zur Stadtmitte. Die anderen sind bereits dort. Ich komme gleich nach. Sollten die Schuldeneintreiber gewalttätig werden, haltet euch nicht zurück.“
„Jawohl, Kommandantin“, sagten die beiden Stadtwachen und machten sich auf den Weg.
„Und ihr werdet ebenfalls mit uns kämpfen, wenn es sein muss, Fräulein Eisvogel.“
Die Geschichtenerzählerin hob abwehrend die Hände. „Mit Kämpfen habe ich nichts mehr am Hut. Ich bin aus guten Grund aus der Stadtwache ausgetreten“, sagte sie, doch ich dudelte jetzt keinen Widerspruch.
„Dieser Kampf geht im Grunde nur Euch etwas an. Wir helfen im Namen der Stadtwache… und weil wir Freunde sind.“
Eisvogel lächelte matt. „Schon verstanden. Wie lauten die Befehle, Frau Kommandantin?“
„Wir folgen den anderen und versuchen die Sache friedlich zu lösen. Falls das nicht möglich ist, müssen wir zu härteren Mitteln greifen. Ich hoffe, Ihr könnt noch eine Waffe halten, Soldatin Eisvogel.“
Ich schmunzelte leicht.
Gespielt empört stemmte die ehemalige Soldatin die Hände in die Hüfte.
„Selbstverständlich. So etwas verlernt man nicht. Und vergesst bitte nicht, dass ich die beste Dolchkämpferin weit und breit war“, sagte sie und grinste dann. „Nur wegen der Geschichten habe ich die Kampfkunst in den letzten Jahren etwas außer Acht gelassen.“
„Dann habt Ihr nun die Möglichkeit, Eure Kenntnisse etwas aufzufrischen“, meinte ich und lachte leise. „Und neue Ideen für Eure Geschichten habt Ihr dann sicherlich auch.“
Als wir bei der Stadtmitte ankamen, schien die Sache mit den Schuldeneintreibern bereits geklärt worden zu sein. Gänseblümchen hielt drei von ihnen in Schach und die anderen kümmerten sich um den Rest der Bande.
„Das hat sich wohl erledigt“, meinte Eisvogel und zuckte mit den Schultern. „Schade, ich hätte gerne ein wenig mitgemischt.“
Ich verschränkte die Arme. „Vor ein paar Minuten wolltet Ihr Euch noch aus dem Staub machen“, erwiderte ich und hob eine Augenbraue. „Außerdem ist die Sache noch nicht vorbei. Ich nehme an, die Herren wollen ein paar Worte mit Euch wechseln.“
Ich blickte zu den Schuldeneintreibern, die ziemlich mitgenommen aussahen.
„Da ist der Saufvogel ja!“, keifte einer von ihnen und versuchte sich aus Gänseblümchens Griff zu befreien. Aber natürlich war das sinnlos.
„Es ging wieder um den Wein, habe ich Recht?“, fragte ich.
„Ich habe ihn doch bezahlt. Ich weiß nicht, weshalb sich die Kerle so aufregen.“
Ich verdrehte die Augen. „In Euren Geschichten mag ein Leben, wir Ihr es führt, durchaus spannend sein, aber hier bei uns sieht es ein wenig anders aus.“
Eisvogel lachte leise. „Zu Aaskrähes Zeiten war mein Lebensstil kein Problem.“
Ich erwiderte nichts darauf, seufzte leise und ging dann zu Gänseblümchen und seinen Gefangenen.
„Wie viel schuldet sie Euch?“, wollte ich wissen und deutete auf Fräulein Eisvogel.
„Dreiundzwanzig Goldstücke!“
Ungläubig sah ich zu Eisvogel. „Beim Erbauer, so viel Wein kann doch kein normaler Mensch trinken!“
Die Geschichtenerzählerin winkte ab. „Ich habe Übung. Außerdem habe ich nicht allein getrunken. Ich habe ein paar Freunde eingeladen.“
„Dann habt Ihr eindeutig zu viele Freunde“, murrte ich und wandte mich wieder an die Schuldeneintreiber. „Normalerweise geht mich diese Sache nichts an, aber Ihr habt die öffentliche Sicherheit gefährdet. Ich müsste von Euch eine Strafe von dreiundzwanzig Goldstücken verlangen. Ich würde sagen, alles ist in bester Ordnung, wenn Fräulein Eisvogel diese Strafe übernimmt. Ihr könnt gehen, sie steht nicht mehr in Eurer Schuld und wir haben eine ruhige Stadt.“
Der Schuldeneintreiber knurrte missgelaunt. Er wusste, dass ich versuchte, die Geschichtenerzählerin zu schützen.
„In Ordnung“, stimmte der Anführer der Bande dann schließlich widerwillig zu und ich gab den Stadtwachen ein Zeichen, damit sie die Schuldeintreiber losließen. Sie warfen Fräulein Eisvogel noch beunruhigende Blicke zu, dann verschwanden sie.
Ich drehte mich zu der ehemaligen Soldatin um. „Ihr bereitet mir mehr Kopfschmerzen, als eine Truppe Kreischbären.“
Sie klopfte mir auf die Schulter und lachte. „Euer Leben wäre ohne mich nur halb so interessant. Ihr würdet Euch schrecklich langweilen. Ich bringe Eurem Leben einfach mehr Farbe.“
Ich lächelte säuerlich. „Es widerstrebt mir zwar, aber ich muss Euch wohl Recht geben. Trotz allem hat meine Großzügigkeit ihre Grenzen. Die dreiundzwanzig Goldstücke werdet Ihr abbezahlen.“
„In Ordnung, in Ordnung“, sagte Fräulein Eisvogel gut gelaunt. „Ich werde einfach ein paar Geschichten erzählen. Da fallen mir sicher ein paar ein“, meinte sie lächelnd.
Ich schüttelte den Kopf. „Keine Geschichten. Ihr werdet als Stadtwache arbeiten. Dreiundzwanzig Einsätze, dann seid Ihr von Euer Schuld befreit.“
Die Geschichtenerzählerin trat einen Schritt zurück. „Auf keinen Fall! Dieses Leben liegt hinter mir. Befehle entgegenzunehmen ist nicht meine Stärke. Und ein ehrenhaftes Vorbild zu sein, liegt nicht in meiner Natur.“
Ich verengte die Augen. „Das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl, Soldatin Eisvogel. In den letzten Jahren habe ich jeglichen Haftbefehl gegen Euch zerrissen, Schuldeneintreiber besänftigt und Euch allerlei Banden vom Hals gehalten. Nun wird es an der Zeit, Euch dafür zu revanchieren, meint Ihr nicht auch?“
Eisvogel suchte nach einer weiteren Ausrede, fand aber keine. Sie ließ die Schultern hängen und meinte: „Jawohl, Frau Kommandantin.“
Ich lächelte leicht. „Schon viel besser. Ich hoffe, Ihr wisst noch, wo Euer Wachposten ist.“
Die Geschichtenerzählerin grinste breit. „Es macht Euch Spaß, überlegen zu sein, nicht wahr?“ Sie lachte. „Ich kann das verstehen. Wenn Ihr bei der Prinzessin seid, habt Ihr ja gar nichts zu sagen. Es muss gut tun, zumindest während der Dienstzeit die Hosen anzuhaben. Bei der Arbeit die Heldin, im Bett die brave Dienerin, richtig?“
Ich wurde rot und räusperte mich. „Während der Dienstzeit sind Privatgespräche nicht erlaubt, Soldatin. Geht jetzt auf Euren Posten.“
Eisvogel kicherte und klopfte mir auf die Schulter, bevor sie ging. „Es ist schön, wieder hier zu sein.“
Ich sah ihr nach und lächelte dann leicht. „Ohne Euch würde hier wirklich etwas fehlen.“

Alte Erzählung: Der Drache

- eine alte Erzählung zu Zeiten von Prinzessin Rotkehlchen -

„Was meinst du? Was könnte da drin sein?“
Neugierig beugte ich mich über das riesige Ei, das ich gerade gefunden hatte. Das musste ein wirklich großer Vogel gelegt haben.
„Vielleicht ein Melonenspucker“, meinte Apfelkuchen und ich nickte leicht.
„Da könntest du recht haben. Das wäre wirklich großartig. Wir haben ja nur noch wenige davon.“
Vorsichtig versuchte ich das Ei anzuheben, doch es war viel zu schwer. So ging das nicht.
Ich wandte mich an mein Einhorn. „Apfelkuchen, hol' bitte Gänseblümchen. Das ist eindeutig ein Job für ihn.“
Mein Pferd nickte und schwang sich sofort in die Lüfte. Eine Weile sah ich ihm nach, dann betrachtete ich wieder das Ei.
„Vielleicht ist da ein Ogerbaby drin! Brüte es lieber nicht aus!“, wimmerte ein Kopf von Himbeertorte.
„Es könnte auch ein Pony sein. Lass es schlüpfen!“, meldete sich der zweite.
„Wenn es ein Elefant ist, will ich sein Freund sein!“, rief der dritte.
Ich runzelte die Stirn und blickte zu meinem Pony auf. „Nichts davon schlüpft aus einem Ei, Himbeertorte. Es muss ein Vogel sein.“
Nachdenklich setzte ich mich ins Zitronengras und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was es auch ist: Es scheint ein großes Tier zu sein.“
Ich lächelte leicht, als ich Gänseblümchens Gestampfe hörte.
Freudig winkte ich dem Oger, der kurze Zeit später neben mir stand.
„Hallo, Kommandantin. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, sagte er und schnappte nach Luft. „Das ist das Ei?“
Ich nickte und stand wieder auf. „Ja, ein ziemlicher Brocken, was?“
Der Oger umkreiste das Ei ein paar Mal und sagte dann: „Und was ist da drin?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das wüsste ich auch gerne. Ich würde sagen, wir bringen es zur Prinzessin. Sie weiß vielleicht, was es ist.“
 
Im Schloss angekommen, brachten wir das Ei sofort zu Prinzessin Rotkehlchen, die gerade im Audienzsaal saß und sich die Bitten der Bürger anhörte. Als der letzte von ihnen den Saal verließ, verbeugte ich mich vor der Prinzessin.
„Euer Majestät, ich habe im Zitronenwald ein Ei gefunden. Leider kann ich nicht sagen, was daraus schlüpfen wird. Wisst Ihr vielleicht mehr?“
Gänseblümchen legte das Ei vor dem Thron ab und unsere Herrscherin stand auf, um es eingehend zu betrachten.
„Ich habe noch nie ein Ei in dieser Größe gesehen. Könnte es vielleicht ein Bambusspringer sein?“, überlegte die Prinzessin laut und berührte das Ei. Dieses begann kurz darauf zu wackeln und bekam einen Riss.
Erschrocken wich Rotkehlchen zurück. „Es schlüpft.“
Aufmerksam beobachtete ich das Geschehen. Hoffentlich war in dem Ei nichts Gefährliches. Vorsichtshalber stellte ich mich vor die Prinzessin, um sie im Ernstfall schützen zu können.
Es dauerte eine Weile, dann streckte das Wesen seinen Kopf aus dem Ei.
Ich verengte die Augen und griff nach meinem Zauberstab. „Ein Drache.“
Die Prinzessin klatschte begeistert in die Hände und schob mich zur Seite. „Ein Drachenbaby! Wie wundervoll. Seht nur, es ist ein Rotkehlendrache. So einen wollte ich schon immer mal sehen.“
Glücklich umarmte Rotkehlchen das Baby, das einen vergnügten Laut von sich gab.
„A-aber Prinzessin… Das ist ein Drache. Er könnte gefährlich sein. Und ein Rotkehlendrache kann schon in jungen Jahren Feuer speien… Nicht zu vergessen, dass sie ausgesprochen scharfe Zähne haben. Und vielleicht kommt seine Mutter irgendwann…“, zählte ich meine Gedanken zu diesem Tier auf, doch natürlich hörte mir unsere Herrscherin nicht zu. Sie war einfach zu begeistert von dem Drachen.
„Ich werde ihn behalten“, verkündete Rotkehlchen und streichelte das Tier.
Pah, der sollte es sich nur nicht zu gemütlich im Schoß der Prinzessin machen! Da blieb er gewiss nicht lange! Das war mein Platz!
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete das Wesen argwöhnisch. Der brauchte nur nicht glauben, dass ich auf seine großen Kulleraugen hereinfiel. Nicht mit mir, nein!
„Mama“, brabbelte das Drachenbaby und leckte der Prinzessin das Gesicht ab. Widerlich, wie sich der einschleimte.
„Er hält mich für seine Mama. Ist das nicht niedlich?“
„Ja, großartig…“, stimmte ich wenig begeistert zu.
Gänseblümchen kicherte. „Quetzal ist eifersüchtig.“
Ich zog einen Schmollmund. „Das habe ich doch nicht nötig.“
Der Oger kniff mir in die Wange. „Ja, das sollte man meinen.“
Tse, ich und eifersüchtig! Auf einen Drachen! Ganz bestimmt nicht.
Prinzessin Rotkehlchen lachte leise und griff nach meiner Hand. „Zieht bitte nicht so ein Gesicht, Quetzal. Ihr wisst, dass Ihr für mich das Allerwichtigste seid. Auch wenn ich sagen muss, dass Euch diese Eifersucht ganz gut zu Gesicht steht.“
Ich wurde rot und blickte zur Seite. „… Vielen Dank, euer Majestät“, murmelte ich.
„Seid bitte nicht beleidigt. Ich hoffe, ich kann Euch mit einem kleinen Geschenk wieder etwas aufheitern.“
Ich sah wieder zur Prinzessin. „Ein Geschenk?“
Sie nickte lächelnd und drückte mir einen kleinen Karton in die Hand. „Eine neue Uniform, Frau Kommandantin der Heldentruppe.“
Überrascht öffnete ich das Paket und betrachtete die Kleidung. „Das ist wunderschön“, sagte ich und lächelte leicht.
„Ab morgen wird dies Eure Dienstkleidung sein, Frau Kommandantin. Probiert sie am besten noch heute an.“
Ich salutierte schmunzelnd. „Jawohl, Euer Majestät.“
Glücklich presste ich den Karton mit der Uniform an mich, verbeugte mich vor der Prinzessin und ging dann zur Tür. „Ich werde mich nun wieder an die Arbeit machen. Auf Wiedersehen, Prinzessin Rotkehlchen.“
„Auf Wiedersehen, Fräulein Quetzal.“
Gänseblümchen winkte der Prinzessin noch kurz und folgte mir dann nach draußen.
„Sie hat Euch gut unter Kontrolle“, meinte der Oger, als wir das Schloss verlassen hatten.
„Wie meint Ihr das?“, wollte ich wissen und strich über die wunderschöne Uniform.
„Ihr habt die Sache mit dem Drachenbaby vollkommen vergessen.“
Ich blieb abrupt stehen. „Beim Erbauer, der Drache!“
Seufzend ließ ich die Schultern hängen. „Sie hat mich reingelegt…“
Gänseblümchen kicherte wieder. „Sie ist einfach zu klug für Euch, Frau Kommandantin.“
Ich lachte leise. „Ja, das ist sie.“
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