Erzählungen

16
Apr
2013

Erzählung: Fräulein Amethystglanzstar

Das penetrante Klopfen an meiner Haustür riss mich aus dem Schlaf.
Wer um alles in der Welt störte mich denn bitte um diese Uhrzeit? Anständige Bürger schliefen eigentlich schon längst!
Träge schleppte ich mich zur Tür, öffnete sie allerdings noch nicht.
»Wer ist da?«, fragte ich stattdessen und wartete auf eine Antwort, die nicht lange auf sich warten ließ.
»Fräulein Amethystglanzstar«, kam es von draußen und ich runzelte die Stirn. Was wollte die denn bitte hier?
Sicherlich waren auch die anderen beiden Kopfgeldjäger hier und gleich traf mich ein Pfeil mitten in den Kopf, ganz sicher.
Zögerlich öffnete ich trotz allem die Tür einen Spalt breit.
»Was wollt Ihr hier? Reicht es Euch nicht, mich tagsüber zu belästigen?«
Die Kopfgeldjägerin schmunzelte und fuhr sich durch die Haare. »Was für eine liebevolle Begrüßung. Seid Ihr immer so charmant?«
Ich verengte die Augen. »Es ist mitten in der Nacht und bisher waren unsere Treffen nicht unbedingt von Nächstenliebe und Sympathie geprägt«, erwiderte ich und sah mich draußen um. Kein Habichtfalke in den Bäumen, keine Berghüttensänger in den Büschen.
Amethystglanzstar lächelte leicht. »Ich bin allein hier. Ich muss mit Euch reden.«
Ich traute der Sache nicht.
»Worüber?«, fragte ich und ließ die Frau keine Sekunde aus den Augen.
»Möchtet Ihr mich nicht zuerst hereinbitten?«
»Nein.«
Die Kopfgeldjägerin seufzte und drängelte sich dann einfach in mein Haus, ohne auf meine Proteste zu reagieren.
Das war ja wohl die Höhe!
Sie sah sich kurz um und setzte sich dann ungefragt auf einen Stuhl. »Für ein Oberhaupt des Landes lebt Ihr aber sehr... schlicht«, sagte sie und betrachtete die einfachen Holzmöbel im Raum. »Gewiss könntet Ihr doch auch im Schloss leben, nicht wahr?«
Ich nickte. »Könnte ich, will ich aber nicht.«
Fräulein Amethystglanzstar lachte leise. »Ihr Aushilfshelden und Eure Bescheidenheit.«
Ich schloss lauter als gewollt die Haustür. »Ich bin kein Aushilfsheld!«
»Wenn Ihr das sagt, kleiner Aushilfsheld.«
So eine Frechheit! Was erlaubte die sich eigentlich?
Schlecht gelaunt setzte ich mich zu der Kopfgeldjägerin. »Was wollt Ihr von mir?«
Sie zögerte kurz mit ihrer Antwort. »Ich will wissen, was Ihr über die Meerjungfrau wisst. Und zwar alles.«
Verwirrt kratzte ich mich am Hinterkopf. »Welche Meerjungfrau?«
Amethystglanzstar schlug wütend auf den Tisch. »Stellt Euch nicht dumm! Ihr wisst genau, wovon ich spreche!«
»Ich habe wirklich keine Ahnung, was Ihr meint, ehrlich«, beteuerte ich und hob beschwichtigend die Hände. »Ich kenne keine Meerjungfrauen.«
»Lügt mich nicht an! Auf der Spitze des Turms, nachdem Ihr den Drachen getötet habt, habt Ihr die Meerjungfrau erwähnt!«
Jetzt wusste ich endlich, was sie meinte. »Tut mir ja echt leid«, fing ich an und zuckte mit den Schultern. »aber was ich als Schattenwesen gesagt und gemacht habe... darüber hatte ich keine Gewalt und ich kann mich auch an gar nichts mehr erinnern.«
Sie schien von dieser Antwort nicht unbedingt angetan zu sein.
Aufgebracht stand sie auf und packte mich am Kragen. »Dann verwandelt Euch gefälligst, damit ich mit dem Schattenwesen sprechen kann! Ich muss wissen, was es weiß!«
Entsetzt riss ich mich von der Kopfgeldjägerin los. »Auf keinen Fall! Das ist viel zu gefährlich! Ich darf mich nur verwandeln, wenn ich gegen einen extrem starken Gegner kämpfen muss. Außerdem würde Euch der Schatten ohnehin nichts verraten, sondern Euch sofort umbringen!«, erklärte ich und trat ein paar Schritte zurück.
Amethystglanzstar überlegte eine Weile und sah dann wieder zu mir. »Dann nehmt mich und meine Gefährten in die Heldentruppe auf«, forderte sie. »Irgendwann müsst Ihr Euch verwandeln und dann werde ich da sein.«
Sprachlos starrte ich sie an. Hatte sie gerade wirklich gefragt, was ich gehört hatte?
»Warum um alles in der Welt sollte ich das tun?«, fragte ich wenig überzeugt.
Die Kopfgeldjägerin grinste. »Weil wir eine Bereicherung für Eure Gruppe von Aushilfshelden wären und das wisst Ihr auch.«
Ich runzelte die Stirn. »Ich soll also diejenigen aufnehmen, die mich verbrennen lassen wollten, um Geld dafür zu bekommen? Klar, klingt absolut nachvollziehbar.«
Sie winkte ab. »Das ist doch Schnee von gestern«, versicherte sie, doch ich glaubte nicht daran.
»Nachtigall hat mir erzählt, dass Euer Freund mir direkt in den Kopf geschossen hat, als ich ein Schatten war. Meine Begeisterung hält sich also nach wie vor in Grenzen.«
Eine Weile sagte Amethystglanzstar gar nichts und blickte zu Boden. Vielleicht hat sie jetzt endlich aufgegeben.
Als ich jedoch ein Schluchzen hörte, stieg Panik in mir auf. Nein, sie konnte jetzt nicht allen ernstes anfangen zu weinen!
Meine Befürchtung bestätigte sich, als die Kopfgeldjägerin wieder zu mir aufsah. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. »Bitte, Ihr müsst mir helfen. Ihr seid scheinbar die Einzige, die mehr über die Meerjungfrau weiß.«
Das konnte doch nicht wahr sein...
»S-schon gut! Ich werde Euch morgen im Schloss vorsprechen lassen! Aber bitte nicht weinen!«, ließ ich mich schließlich breit schlagen.
»Versprochen...?«, wollte sich Amethystglanzstar versichern und ich nickte.
»Ja, versprochen.«
Nur eine Sekunde später begann sie wieder zu lächeln, als wäre nie etwas gewesen.
»Gut, dann sehen wir uns morgen, Aushilfsheldin«, sagte sie keck und verließ dann einfach mein Haus.
Ich ließ den Kopf hängen. »Warum falle ich immer wieder auf so etwas herein? Immer wieder...«

Erzählung: Der Stelzenvogel

»Ich verstehe immer noch nicht, warum ich diesen Unsinn mitmachen soll«, jammerte ich, während ich sehnsüchtig auf das Festland blickte, das sich immer weiter entfernte. »Ist es nicht ein wenig spät für irgendwelche Lektionen?«
Meister Eule würdigte mich keines Blickes und betrachtete den Turm des Zirkels, dem wir bedrohlich nah kamen. Wie ich dieses Ding hasste.
»Es geht nicht um Euch, sondern um die Magier, denen noch zu helfen ist«, antwortete er irgendwann.
Ich verengte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was soll das denn heißen?!«
Fräulein Nachtigall hob beschwichtigend die Hände. »Meister Eule hat es sich nicht böse gemeint. Bitte regt Euch nicht auf, Kommandantin.«
Schlecht gelaunt grummelte ich vor mich hin, bis das Boot endlich wieder stoppte.
Mit einem unguten Gefühl betrat ich mit den anderen beiden Magiern den Turm und versuchte die schlechten Erinnerungen zu verdrängen, die ihn mir aufkamen.
»Was genau ist jetzt eigentlich meine Aufgabe?«, fragte ich Nachtigall leise, während wir immer mehr Stockwerke hinter uns ließen.
Die Magierin zuckte mit den Schultern. »Scheinbar geht es um die Ausbildung der jungen Magier. Aber was genau Ihr damit zu tun habt, weiß ich leider auch nicht.«
Was es auch war, sicherlich wollte mich Meister Eule damit demütigen.
Wir erreichten eine kleine Halle, in der sich etliche Magier befanden, die alle nicht älter als zehn Jahre alt sein konnten.
Meister Eule packte mich grob am Arm und zog mich mit zu der Meute.
»Da sich das Üben mit älteren Magiern als gefährlich herausgestellt hat, wird Fräulein Quetzal ab heute mit euch üben. Ihr müsst keine Angst haben, denn ihre Fähigkeiten übersteigen eure nicht im geringsten. Es besteht also keine Gefahr«, erklärte der Elf und schubste mich zu den jüngeren Magiern, die mich schmunzelnd betrachteten.
Wütend drehte ich mich zu Meister Eule um, der bereits drauf und dran war, wieder zu verschwinden.
Oh, wenn ich meine Fähigkeiten als Hexe nicht geheim halten müsste, würde ich diesen mürrischen Magier mit Freuden gegen die nächste Wand feuern.
»Fräulein Nachtigall wird die Lehrstunde leiten«, fügte er noch hinzu und verschwand dann.
Fassungslos sah ich ihm nach und blickte dann zu Nachtigall, die nicht weniger überrascht von diesem Abgang war.
»Ich... wusste nichts davon, das schwöre ich«, sagte sie und ich ließ nur die Schultern hängen.
»Ist schon gut«, erwiderte ich und seufzte schwer. Und wie kam ich aus dieser Nummer wieder raus?
Fräulein Nachtigall lächelte mich leicht unbeholfen an. »Wenn wir schon einmal hier sind, könnten wir doch tatsächlich ein wenig mit den Kindern üben, oder nicht?«
Ich verdrehte die Augen und ergab mich dann meinem Schicksal. So schlimm konnte das ja schließlich nicht sein.
»Nun gut, was soll ich tun?«, fragte ich und griff nach meinem Zauberstab.
Nachtigall führte mich auf eine Seite der Halle und deutete auf einen Jungen, der sich nach einer kurzen Aufforderung der Magierin auf der anderen Seite aufstellte.
»Die Kinder sollen ihren Abwehrzauber üben, doch die Kräfte der älteren Magier sind schon zu stark, um sie gegen die Anfänger einzusetzen.«
Ich runzelte die Stirn. »Können die Kinder sich nicht gegenseitig angreifen?«
»Nein, sie beherrschen noch keine Angriffszauber. Das wäre zu gefährlich.«
Ich nickte und musterte den Jungen auf der anderen Seite der Halle. Ein Kind angreifen? Das gefiel mir ganz und gar nicht.
»Macht Euch keine Sorgen. Die Kinder sind nicht so hilflos, wie Ihr vielleicht glaubt«, flüsterte mir Nachtigall lächelnd zu und stellte sich dann etwas abseits auf.
»Ihr könnt beginnen, Kommandantin.«

Erschöpft ließ ich mich auf den Boden sinken und sah den Kindern nach, die vergnügt die Halle verließen.
»Vielen Dank für Eure Hilfe, Kommandantin. Die Kinder scheinen viel Spaß gehabt zu haben«, meinte Fräulein Nachtigall und setzte sich neben mich.
Ich schloss kurz die Augen. »Schön, aber das mache ich nicht nochmal. Das war anstrengend.«
Die Magierin wollte gerade etwas erwidern, als eine mächtige Erschütterung uns aufschrecken ließ.
»Was war das?«, fragte Nachtigall und gleich darauf trat ein Magier ein, der sichtlich geschockt war.
»Ein Drache! Ein Drache ist auf der Spitze des Turms!«, rief er in Panik und von Weitem konnte ich die Schreie der anderen Magier hören, die voller Angst flüchteten.
Ich blickte kurz zu Fräulein Nachtigall, die verstehend nickte. Wir mussten sofort auf die Spitze des Turms.
»Wo ist Meister Eule?«, fragte ich, bevor ich die Halle verließ.
»Er ist bereits oben und kämpft gegen den Drachen, zusammen mit drei Fremden«, erklärte mir der Mann, bevor er mit den anderen das Weite suchte.
Ich hatte keine Zeit, um darüber nachzudenken, wer die drei Fremden sein konnten. Wir hatten keine Zeit zu verlieren!
Als wir auf dem Dach des Turms angekommen waren, mussten wir sofort einem Feuerball des Drachen ausweichen, den Meister Eule scheinbar gerade abgewehrt hatte.
Ich ließ kurz meinen Blick schweifen und entdeckte dann auch die drei Fremden, von denen der Magier gesprochen hatte. Allerdings waren sie mir nicht sonderlich fremd. Ganz im Gegenteil.
»Was machen die Kopfgeldjäger hier?«, fragte Fräulein Nachtigall, als sie die drei Gestalten ebenfalls gesehen hatte.
»Ich weiß es nicht, aber es bedeutet auf jeden Fall Ärger«, knurrte ich und kämpfte mich zu Meister Eule vor.
»Überlasst den Drachen uns. Er ist unsere Beute«, hörte ich Fräulein Amethystglanzstar, die gerade einem Angriff des Drachen auswich. »Wir können nichts dafür, dass er hier gelandet ist. Er hat sich nun einmal die Spitze des Turms als Sterbeplatz ausgesucht.«
»Ihr scheint die wahre Kraft dieses Wesens zu unterschätzen. Wir haben es hier mit einem Hohen Drachen zu tun. Ihr könnt ihn niemals allein bezwingen!«, erwiderte Meister Eule und traf den Drachen mit einem Zauber, der das Tier kurz zum Wanken brachte.
Ein Hoher Drache? Selbst fähige Kämpfer wie Nachtigall oder die Kopfgeldjäger konnten dieses Ding niemals allein besiegen!
Und da Meister Eule anwesend war, konnte ich mich nicht der Hexerei bedienen.
»Wir wissen schon, was wir tun«, versicherte Herr Habichtfalke und schoss auf den Kopf des Drachen, doch der Pfeil der Armbrust prallte einfach ab. Selbst ein guter Schütze konnte hier wenig ausrichten. Trotz allem gab er nicht nach und feuerte weiter auf den übermächtigen Gegner.
Fräulein Berghüttensänger versuchte derweil, auf den Drachen zu klettern, um ebenfalls seinen Kopf treffen zu können, doch das Tier schüttelte die Kopfgeldjägerin immer wieder ab.
Fräulein Nachtigall und Meister Eule bündelten nun ihre Kräfte, um mehr Schaden anzurichten. Für einen kurzen Moment war ich versucht, ihnen zu helfen, doch ich hatte nie gelernt, wie man Magie vereinen konnte und deshalb wäre ich wohl keine große Hilfe für die beiden gewesen.
Als ich Berghüttensänger schreien hörte, drehte ich mich zu den Kopfgeldjägern um und sah gerade noch, wie Fräulein Amethystglanzstar, scheinbar durch einen Schlag des Drachen, vom Turm stürzte. Die anderen beiden Kopfgeldjäger versuchten ihr zu helfen, wurden jedoch vom Schweif des Drachen getroffen und gegen die Tür, die ins Innere des Turms führte, geschleudert.
Ich überlegte nicht lange und rannte zu der Stelle, an der Fräulein Amethystglanzstar abgestürzt war.
Sie hing an einem Wasserspeicher, doch ich konnte sie, auch mit der Hilfe meines Zauberstabs, nicht erreichen.
Ich überlegte fieberhaft, was ich tun konnte, doch die einzige Lösung schien die Hexerei zu sein.
Schnell blickte ich zu Meister Eule. Er hatte mich nicht im Blick und war vollkommen auf den Drachen fixiert.
»Erschreckt Euch jetzt nicht«, warnte ich die Kopfgeldjägerin, die die Stirn runzelte.
»Weswegen sollte ich mich erschrecken, Aushilfsheldin?«
Ich konzentrierte meine Kräfte auf die Wand des Turms und ließ daraus eine Schattenhand wachsen, mit der ich nach Amethystglanzstar griff, um sie wieder auf der Spitze des Turms abzusetzen.
»Wegen der großen Schattenhand, die aus der Wand gewachsen ist«, erwiderte ich, nachdem die Kopfgeldjägerin wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte.
Überrascht starrte sie mich an. »Ihr seid eine-«
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit!«, unterbrach ich sie und schuf eine Schattenwand, um uns vor dem Feuer des Drachen zu schützen, der seine Aufmerksamkeit nun auf uns gerichtet hatte.
Ich hatte vergessen, dass Drachen es spüren konnten, wenn Hexerei praktiziert wurde.
Und nicht nur er konnte das. Ich wusste ganz genau, dass auch Meister Eule dazu fähig war. Sein Blick verriet mir sofort, dass ich recht hatte. Aber ich hatte im Moment andere Probleme.
»Ihr solltet Euch um Eure Gefährten kümmern«, riet ich Amethystglanzstar und deutete mit dem Kopf auf die beiden anderen Kopfgeldjäger, die bewusstlos am Boden lagen. »Bringt sie so schnell wie möglich in Sicherheit.«
»Wir haben keine Angst vor dem Drachen. Wir können helfen!«
Ich lächelte betrübt. »Es ist nicht der Drache, vor dem Ihr Angst haben solltet. Bringt Euch in Sicherheit, solange Ihr noch könnt. Gleich wird es zu spät sein.«
Fragend sah mich die Kopfgeldjägerin an, doch ich sparte mir jedes weitere Wort und ging auf den Drachen zu, der sich nun vollkommen auf mich konzentrierte.
Stumm sah ich zu, wie die Kopfgeldjägerin versuchte, ihre Freunde zu wecken, die kurz darauf wieder zu Bewusstsein kamen.
Gut, dann konnten sie wenigstens entkommen, wenn es nötig war.
Der Drache brüllte mich an, doch er startete keinen Angriff. Scheinbar hatte er tatsächlich ein wenig Respekt vor mir. Wenigstens einer.
Ich blickte zu Fräulein Nachtigall, die bereits ahnte, was ich vorhatte.
»Es ist wohl soweit«, meinte ich und lächelte matt. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.«
Die Magierin kam auf mich zu und wollte etwas sagen, doch Meister Eule kam ihr zuvor.
»Es hätte mir von Anfang klar sein müssen, dass etwas nicht stimmt. Ihr seid Hexenbrut! Nun ergibt alles einen Sinn.«
Ich schmunzelte. »Verlegen wir die Beschimpfungen und den ganzen Rest auf später, ja? Ich habe einen Drachen zu töten.«
Ich sah noch einmal kurz zu den beiden Magiern. »Ihr tätet gut daran, zu fliehen.«
Keiner der beiden kam meiner Aufforderung nach. Ich hatte auch nicht damit gerechnet.

*****

Ich wusste, dass die Kommandantin das einzig Richtige in diesem Moment tat, doch trotzdem war ich versucht, sie davon abzuhalten und auch Meister Eule verstand, was Quetzal vorhatte.
Doch sein Versuch, ihr Vorhaben abzubrechen, kam zu spät.
Sie begann bereits damit, die Worte auszusprechen, mit denen sie ihre Seele den Schatten übergab.
»Mein Hexenherz geht den Pakt ein und wird nun eins mit den Schatten sein.«
Meister Eule und ich gingen ein paar Schritte zurück, als sich Schatten um die Kommandantin sammelten und sie darin vollständig einhüllten.
»Der Erbauer stehe uns bei«, flüsterte Meister Eule und unwillkürlich berührte ich die Drachenträne, die um meinen Hals hing.
Als sich die Dunkelheit wieder verzog, stieg eine mindestens drei Meter große Kreatur aus den Schatten hervor, die auf langen, stelzenhaften Beinen stand. Die Augen glühten giftgrün und ein beängstigendes Grinsen zierte das Gesicht der Schattengestalt. Mit seinen langen, spitzen Fingern deutete es auf den Drachen, der seit der Anwesenheit des Schattenwesens unruhig wirkte.
»Deine Zeit ist abgelaufen«, sagte es in der Alten Sprache der Drachen. Die Stimme des Wesens klang nur schemenhaft nach der Kommandantin. Sie war verzerrt und es hörte sich so an, als würde nicht nur sie, sondern auch noch eine zweite Person sprechen.
Der Drache spie sein Feuer, doch die Gestalt versank einfach in den Schatten und tauchte kurze Zeit später wieder auf.
»Kestalia kes dus wera ara klopuestis«, sprach die Schattengestalt. Es schien ebenfalls die Sprache der Drachen zu sein, doch es handelte sich dabei um Worte, die mir nicht geläufig waren. Scheinbar benutzte das Wesen die Erste Sprache der Drachen, die heute nicht mehr gelehrt wurde.
»Die Schatten werden deine Seele fressen«, übersetzte Meister Eule und starrte das Wesen an, das nun zum Angriff überging und seine Klauen in den Hals des Drachen rammte.
Ich kniff die Augen zusammen und biss mir auf die Unterlippe, als ich den schrecklichen Schmerzensschrei des Drachen hörte.
Ich wagte es nicht, die Augen zu öffnen, denn die Geräusche und Schreie, die ich vernahm, reichten bereits aus, um zu begreifen, dass die Schattengestalt keine Gnade kannte.
Als es für einen Moment still war, zwang ich mich dazu, die Augen wieder zu öffnen.
Der Anblick der Drachenleiche ließ Übelkeit in mir aufkommen. Der Schatten hatte das Tier vollkommen zerstückelt und schien an dem Anblick seine Freude zu haben.
»Wenn sie sich nicht gleich aus eigener Kraft zurückverwandelt, sind wir verloren«, sagte Meister Eule und schien bereits mit dem Leben abzuschließen.
Ich nahm die Kette mit der Drachenträne von meinem Hals und ging auf die Schattengestalt zu, um diesen Wahnsinn zu beenden, doch bevor ich etwas unternehmen konnte, traf ein Pfeil den Kopf des Schattens, der sich in die Richtung drehte, aus der das Geschoss gekommen war.
»Hey, Schattenbrut! Weißt du eigentlich, wie viel dein Kopf wert ist? In Lorberia zahlt mal einen guten Preis für ein Hexenkind«, rief Herr Habichtfalke dem Schattenwesen zu und auch die beiden anderen Kopfgeldjäger schienen sich dem Schatten entgegen stellen zu wollen.
»Diese Narren«, knurrte Meister Eule, der nur zu gut wusste, dass die drei keine Chance hatten, diesen Kampf zu überleben. Hatten sie nicht gesehen, was mit dem Drachen passiert war?
Das Wesen zog den Pfeil aus seinem Kopf und eine schwarze Flüssigkeit floss aus der Wunde.
Stumm wischte sich der Schatten das Blut aus dem Gesicht und begann zu lachen.
Innerhalb eines Herzschlags tauchte die Schattengestalt vor Herrn Habichtfalke auf, packte ihn und hob ihn nach oben.
»Wie gut das Vögelchen zielen kann. Doch wird es das noch, wenn ich ihm die Augen ausgestochen habe?«
Fräulein Amethystglanzstar versuchte ihm zu helfen und traf mit ihrem Degen den Arm des Schattens.
Lachend blickte dieser auf die Kopfgeldjägerin herab und schleuderte Herrn Habichtfalke auf die beiden Kopfgeldjägerinnen, die mit ihrem Gefährten zu Boden gingen.
»Das violette Vögelchen sollte sich nicht einmischen und lieber nach der suchen, die sie vermisst. Fischmenschen finden sich nicht von allein.«
»Woher weißt du...?«
»Die Seele des violetten Vögelchens schreit geradezu danach. Vielleicht findet es seine Freundin ja in der Hölle.«
Gerade als das Wesen zum Schlag ausholte, traf mein Feuerball den Schatten, der mir nun seine Aufmerksamkeit schenkte.
Gefährlich langsam näherte sich die Gestalt mir und blickte grinsend auf mich herab.
»Was für ein hübsches Vögelchen. Möchtest du zerstückelt werden oder soll ich deine Seele mit in die ewige Dunkelheit ziehen?«
Ich erwiderte nichts darauf und richtete die Drachenträne auf das Wesen vor mir.
»Hexenherz, sei wieder rein. Sollst nicht mehr gefangen sein.«
Das Artefakt strahlte ein helles Licht aus, das den Schatten zurückdrängte und ihn in die Knie zwang. Immer mehr versank die Gestalt und löste sich in einer dunklen Wolke auf. Als diese sich verzog, sah ich die Kommandantin, die bewusstlos am Boden lag.
Ich ging neben ihr auf die Knie und versuchte sie zu wecken, doch es war hoffnungslos. Ihre Augen waren geöffnet, aber sie schienen leblos zu sein. So, als wäre sie noch an einem ganz anderen Ort, an dem niemand sie erreichen konnte.
Meister Eule trat neben mich und hob Quetzal auf seine Arme.
»Es kann dauern, bis sie wieder zu sich kommt«, meinte er. Im Moment konnte ich nicht erfassen, was er von all dem hielt, doch er schien erstaunlich gefasst.
Als wir in das Innere des Turms zurückkehren wollten, hielt uns Herr Habichtfalke auf.
»Hier im Namenlosen Königreich gibt es keine Belohnung für die Festnahme von Hexen, doch wenn wir sie nach Lorberia bringen und dort verbrennen lassen, kann ein guter Preis für sie erzielt werden. Soweit ich weiß, ist auch der Zirkel der Magi einer finanziellen Unterstützung nicht abgeneigt«, sagte er und deutete auf die Kommandantin.
Meister Eule verzog keine Miene.
»Der Zirkel der Magi ist auch ehrbarem Verhalten nicht abgeneigt«, antwortete er. »Nehmt, was von dem Drachen übrig geblieben ist und holt Euch dafür Eure Belohnung. Das Hexenkind ist Angelegenheit des Zirkels.«
Unsicher sah ich zu Meister Eule auf. Ich konnte nicht einschätzen, was er mit der Kommandantin vor hatte.
Herr Habichtfalke wollte noch etwas erwidern, doch Fräulein Amethystglanzstar hielt ihn zurück.
»Lassen wir es für heute darauf beruhen. Eins nach dem anderen, Habichtfalke«, sagte sie, drehte sich um und ging auf die Drachenleiche zu.
Fräulein Berghüttensänger gesellte sich sofort zu ihr. »Igitt, was für eine Sauerei! Da hat die Hexe aber ganze Arbeit geleistet.«
Herr Habichtfalke wandte sich nun auch von uns ab und spielte kurz auf einer Okarina. Kurze Zeit später flog eine Chimäre auf das Dach des Turms. So waren sie also hierher gekommen.
»Hey, Magierin. Sagt Eurer Freundin, dass diese Sache noch nicht vorbei ist. Der nächste Pfeil von mir wird sie sicherlich nicht mehr zum Lachen bringen«, rief mir der Kopfgeldjäger noch zu, bevor ich mich umdrehte und Meister Eule ins Innere des Turms folgte.

Erzählung: Die Drachenträne

»Ein Geschenk? Mein Geburtstag ist doch schon vorbei oder gibt es einen Feiertag, den ich verpasst habe?«
Ich lächelte Fräulein Nachtigall an und schüttelte den Kopf. »Nichts dergleichen. Das Ganze ist auch nicht wirklich ein Geschenk... Es ist eher eine Bitte an Euch«, erklärte ich und reichte der Magierin ein kleines Päckchen.
Nachtigall runzelte kurz die Stirn und öffnete dann das Geschenk.
Überrascht betrachtete sie das Schmuckstück und sah dann zu mir auf. »Eine Drachenträne? Warum schenkt ihr mir so etwas Kostbares?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, es ist kein richtiges Geschenk. Diese Drachenträne ist nicht einfach nur ein Schmuckstück und das wisst Ihr sicherlich noch besser als ich. Ich möchte Euch darum bitten, diesen Gegenstand einzusetzen, wenn es nötig sein sollte.«
Fräulein Nachtigall musterte mich leicht beunruhigt. »Denkt Ihr, Morgana und Morpheus werden in naher Zukunft ihre Schattenform benutzen?«, fragte sie und blickte nachdenklich auf die Drachenträne in ihren Händen.
Ich schüttelte betrübt den Kopf. »Es geht nicht um die beiden. Es geht um mich.«
Überrascht starrte mich die Magierin an. »Ihr seid...?«
Ich nickte leicht. »Ja, bin ich. Ich denke, das erklärt so einiges, nicht wahr?«
»Ja, durchaus... Aber warum habt Ihr nicht schon viel früher davon erzählt?«
»Weil ich es selbst erst seit Kurzem weiß. Die Rabenkinder haben es mir gesagt. Sie hätten viel früher damit rausrücken können...«
Nachtigall nahm meine Hand. »Aber Ihr wollt mich doch nicht wirklich darum bitten, die Drachenträne gegen Euch einzusetzen?«
Ich blickte zur Seite. »Doch, wenn es wirklich sein muss, werde ich meine Schattenform benutzen und ich bin mir sehr sicher, dass ich sie nicht lange unter Kontrolle haben werde. Deswegen brauche ich die Sicherheit, dass es jemanden gibt, der mich im Notfall aufhalten kann. Ich will keine Unschuldigen verletzen.«
Eine Weile schwieg Fräulein Nachtigall, dann sah sie wieder zu mir auf. »In Ordnung. Wenn es das ist, was Ihr wollt, dann werde ich Euch dieses Wunsch nicht verwehren.«
Ich lächelte erleichtert. »Ich danke Euch sehr, Fräulein Nachtigall. Ich wusste, dass ich auf Euch zählen kann«, sagte ich. »Ich möchte Euch allerdings um noch etwas bitten. Keiner soll wissen, was ich wirklich bin. Sie werden es alle noch früh genug erfahren...«
Die Magierin nickte. »Verstanden. Ich werde es für mich behalten. Allerdings...«, fing sie an. »solltet Ihr eigentlich genug Vertrauen zu Euren Freunden haben...«
»Es geht nicht um meine Freunde. Sorgen macht mir nur Meister Eule. Wenn er die Wahrheit erfährt, dann... Ach, weiß der Erbauer, was er dann mit mir macht. Je weniger Leute davon wissen, umso geringer ist das Risiko, dass er es erfährt.«
Wieder nickte Nachtigall und legte die Kette, an der die Drachenträne hing, an. »Ich hoffe, dass ich die Drachenträne niemals einsetzen muss. Ich will mir die Gefahr, die Euch dazu zwingen würde, Eure Schattenform anzunehmen, gar nicht vorstellen...«
Ich lächelte besonnen. »Keine Sorge. Bisher haben wir noch alles überstanden. Ganz ohne Hexerei. Naja, ganz ohne meine Hexerei.«
Nachtigall lächelte matt. »Ich bewundere Eure Besonnenheit wirklich sehr. Sie wird in manch dunklen Zeiten unser größter Schatz sein.«
Ich grinste breit. »Mein größter Schatz in dunklen Zeit wird immer Fräulein Amsels Erdbeerkuchen sein«, antwortete ich und brachte gleich darauf zwei Stücken von besagtem Kuchen aus der Küche.
Die Magierin schmunzelte und setzte sich an den Tisch. »Ihr seid wirklich eine außergewöhnliche Hexe, Kommandantin.«

Erzählung: Herr Habichtfalke

„Es ist ausgesprochen ruhig, wenn man bedenkt, dass hier eine Bande von Räubern wüten sollte“, bemerkte ich und sah mich in dem kleinen Dorf um, von dem wir vor etwa eine Stunde einen Hilferuf erhalten hatten.
„Sicher, dass wir im richtigen Dorf sind?“, wollte Herr Prachtstaffelschwanz wissen.
Ich nickte. „Ganz sicher.“
Fräulein Nachtigall stieg von ihrem Einhorn. „Vielleicht sind sie bereits weitergezogen. Sicherlich haben sie damit gerechnet, dass wir hierher kommen.“
Das konnte gut möglich sein. Wie bedauerlich! Eine Heldentat hätte mir heute gut getan.
Nachdem wir auch nach mehr als fünf Minuten keine Räuber gefunden hatten, klopfte ich an eine Haustür.
„Guten Tag. Lebt Ihr in Angst und Schrecken?“, fragte ich, als ein Dorfbewohner die Tür geöffnet hatte.
Er wirkte etwas irritiert. „Nein, nicht wirklich, Fräulein.“
„Aber wir haben einen Hilferuf erhalten. Waren hier keine Räuber unterwegs?“, fragte ich und zeigte ihm den Brief, der per Luftpost bei uns angekommen war.
Der Mann überflog den Zettel kurz. „Ach, die sind schon wieder weg. Die Kopfgeldjäger haben sie bereits festgenommen.“
Ich verengte die Augen. Das konnten nur diese zwei Grazien gewesen sein, die uns schon so oft die Arbeit gestohlen hatten!
„Waren es zwei Frauen? Eine mit braunen, die andere mit blauen Haaren?“
Der Dorfbewohner nickte. „Ja und dann war da noch ein Mann mit Mütze.“
Ich runzelte die Stirn. Seit wann waren die denn zu dritt? Das wurde ja immer besser mit denen!
„Vielen Dank für die Auskunft. Habt noch einen schönen Tag.“
Gerade wollte ich mich umdrehen und gehen, als der Mann mich aufhielt.
„Moment, Ihr seid die Kommandantin der Heldentruppe, nicht wahr? Ich soll Euch von den Kopfgeldjägern diese Nachricht geben.“
Verwundert nahm ich den Umschlag entgegen, bedanke mich und ging.

„Was steht in dem Brief?“, wollte Herr Prachtstaffelschwanz wissen und blickte über meine Schulter, während ich den Umschlag öffnete.
Als ich die kurze Nachricht gelesen hatte, ballte ich verärgert die Hände zu Fäusten.
„Diese dreisten Diebe! Die haben uns verarscht!“, knurrte ich und gab den Zettel an Fräulein Nachtigall weiter, die ihn laut vorlas.
„Wieder mal zu spät, ihr Aushilfshelden. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.“
Das ließ ich gewiss nicht auf mir sitzen! Ich war ein Held, ein echter Held!
„Auf der Rückseite ist eine Karte mit einer Markierung. 'Unser Geheimversteck' steht da... Das ist gewiss ein Witz“, sagte Nachtigall.
„Oder eine Falle“, fügte Prachtstaffelschwanz hinzu und sah sich die Karte an. „Glauben die wirklich, dass wir darauf hereinfallen und dorthin reisen?“
„Wir werden dorthin reisen!“, verkündete ich und stieg auf Apfelkuchen. „So leicht kommen die mir nicht davon! Es geht hier um die Ehre der Heldentruppe!“
Fräulein Nachtigall runzelte die Stirn. „Haltet Ihr das wirklich für eine gute Idee, Kommandantin? Sie wollen doch, dass wir zu ihnen kommen.“
„Dann geben wir ihnen, was sie wollen“, beharrte ich weiterhin auf meinen Plan.
Ich ließ mir doch nicht auf der Nase herum tanzen!

„Großartiges Versteck“, murmelte ich und betrachtete angeekelt die Totenschädel und Spinnweben, die die Höhle zierten, in der wir nun gelandet waren. Die Kopfgeldjäger lebten doch nicht wirklich hier, oder?
Langsam glaubte ich auch, dass alles nur ein Witz oder gar eine Falle war...
„Ich habe wirklich kein gutes Gefühl bei der Sache, Kommandantin.“
Ich drehte mich zu Fräulein Nachtigall um. „Wird schon schief gehen“, sagte ich lächelnd und machte einen weiteren Schritt nach vorne.
Einen kurzen Augenblick später gab der Boden unter mir nach und ich stürzte nach unten.
„Ich hatte nicht erwartet, dass das wirklich schief geht“, murmelte ich und richtete mich mühsam auf.
„Alles in Ordnung bei Euch?“, hörte ich Herr Prachtstaffelschwanz von oben rufen.
Ich blickte nach oben. Ich war ganz schön tief gefallen, wie es aussah.
„Ja, alles in Ordnung. Ich hab' wohl den Geheimweg gefunden, wie es aussieht. Ich würde vorschlagen, Ihr geht den normalen Weg weiter und haltet Ausschau nach den Kopfgeldjägern. Ich kümmere mich um die untere Etage. Vermutlich ist hier alles miteinander verbunden und wir treffen bald wieder aufeinander“, meinte ich und sah mich kurz um.
Nach oben kam ich erstmal nicht, also blieb mir ohnehin nichts anderes übrig, als einen anderen Weg zu suchen.
Fräulein Nachtigall beugte sich über das Loch, durch das ich gefallen war.
„Seid Ihr Euch sicher? Dieser Ort scheint nicht ungefährlich zu sein, Kommandantin“, rief sie zu mir nach unten.
„Ihr kommt hier sowieso nicht heil herunter. Ich bin zum Glück auf diesem Wolkenpilz gelandet, aber der ist jetzt hinüber. Ihr würdet Euch alle Knochen brechen, wenn Ihr hier herunter springt.“
Nachtigall seufzte. „In Ordnung, wir suchen einen anderen Weg. Passt auf Euch auf.“
Ich nickte lächelnd und folgte dann dem einzigen Weg, den ich gehen konnte.
Hier sah es sogar noch schlimmer aus, als beim Eingang. Mich beschlich das ungute Gefühl, das hier etwas lebte, das ich nicht unbedingt kennenlernen wollte. Etwas, das große Tiere fraß.
Zumindest sprachen die Knochen und Überreste für sich. Außerdem stank es hier fürchterlich nach Tod.
Am Ende des schmalen Ganges, den ich nun für ein paar Minuten gegangen war, wurde es heller und ein großer, hoher Raum lag vor mir.
Ich konnte so etwas wie ein Nachtlager erkennen und Kisten und Beutel voller Goldmünzen waren hier aufgetürmt.
„Ein Diebesversteck?“, dachte ich laut und hörte plötzlich ein Knurren und laute Fußschritte.
Ich kannte diese Geräusche nur zu gut. Das konnte nur eines bedeuten: Hier war ein Oger.
Mein Verdacht bestätigte sich schon kurze Zeit später, als eine riesige Gestalt mit einer Axt auf mich zugestürmt kam.
Ich konnte seinem Angriff gerade noch ausweichen, indem ich zur Seite sprang.
„Das ist einfach nicht mein Tag“, jammerte ich und richtete mich schnell auf.
Der Oger schien von meinem unangekündigten Besuch nicht sonderlich erfreut zu sein, nahm einen riesigen Felsbrocken und versperrte damit meinen einzigen Fluchtweg.
„Das ist wirklich nicht mein Tag...“
Na gut, hier konnte mir wohl nur noch ein Kampf helfen!
Bewaffnet mit meinem Zauberstab griff ich den Oger an, der von meinen Angriff nicht unbedingt beeindruckt war.
„Könntet Ihr nicht wenigstens so tun, als würde Euch das weh tun?“, fragte ich genervt und wich seiner Axt aus, mit der er abermals nach mir schlug.
Alles klar, er reagierte auf die Schläge meines mit Magie umgebenen Zauberstabs eher gelangweilt. Also musste ich hier etwas härtere Methoden anwenden!
Fräulein Nachtigall hatte mir beigebracht, wie man Feuerbälle und Eisbrocken zaubern konnte. Das würde ich jetzt einfach probieren und diesen Oger ins Land der Träume schicken!
„Feuer!“, rief ich und richtete meine Waffe auf den Oger.
Nichts passierte.
Bei Nachtigall sah das so leicht aus! Das musste doch funktionieren!
„Feuer!“

„Eis?“
Verzweifelt fuchtelte ich mit meinem Zauberstab herum, aber es passierte einfach nichts.
Der Oger war nicht wirklich eingeschüchtert von mir und griff erneut an.
Dieser Attacke konnte ich nur entgehen, indem ich mich nach hinten fallen ließ und schmerzhaft auf dem Boden aufkam.
„Das ist definitiv nicht mein Tag.“
Über mir hörte ich plötzlich eine vertraute Stimme.
„Wie habt Ihr es schon wieder geschafft, Euch in Schwierigkeiten zu bringen?“, rief Prachtstaffelschwanz und lehnte sich über ein Loch, das weit über mir zu sehen war.
„Es geht mir gut. Danke der Nachfrage!“, brüllte ich nach oben und brachte etwas Abstand zwischen mich und den Oger.
Beim Erbauer, warum griff der mich überhaupt an? Ich wollte seine Schätze nicht!
„Können wir nicht darüber reden?“, startete ich einen - wie sich schnell heraus stellte - erfolglosen Versuch, vernünftig mit dem Oger zu sprechen.
Er gehörte zu der hirnlosen Sorte, schon verstanden.
„Passt auf, der Kerl scheint keinen Spaß zu verstehen“, sagte Herr Prachtstaffelschwanz und versuchte gerade einen Weg zu mir nach unten zu finden. Allerdings gab es da wohl keine Möglichkeit.
„Danke für den Tipp! Habt Ihr noch einen parat?“, fragte ich schnippisch und rannte vor dem Oger weg, der versuchte, mich mit seiner Axt zu vierteilen.
„Ja, einen hab' ich noch. Weniger wegrennen und mehr kämpfen“, rief der Prinz zu mir herunter.
Ich verengte die Augen. „Das sagt sich so leicht, wenn man ein Schwert schwingen kann, das fast so groß ist, wie man selbst!“
Ich schrie auf, als die Axt des Ogers auf mich zugeflogen kam.
In letzter Sekunde duckte ich mich und die Waffe blieb über mir in einer Wand stecken.
„Hey, Waffen werfen ist unfair!“, rief ich und rannte auf die andere Seite des Raumes.
So konnte das nicht ewig weitergehen! Ich brauchte einen Plan!
Denk' nach, Quetzal! Denk nach!
Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht bemerkte, dass der Oger plötzlich neben mir stand, mein Bein packte und mich kopfüber in der Luft hängen ließ.
„Das ist eindeutig nicht mein Tag“, jammerte ich hilflos.
War das nicht normalerweise der Moment, in dem Morpheus oder Morgana auftauchten, um mir zu helfen? Die ließen sich heute wirklich viel Zeit.
„Vögelchen zerquetschen“, grummelte der Oger und stupste mich mit seiner freien Hand unsanft an.
„Nein, Vögelchen soll man nicht zerquetschen! Böser Oger!“, sagte ich und versuchte mich aus seinem Griff zu befreien.
Der Oger schnüffelte kurz an mir und sabberte mich dann an.
Ogersabber, ganz toll.
„Ihr habt drei Sekunden, um sie herunter zu lassen“, erklang hinter uns auf einmal eine Stimme.
Ich lächelte glücklich. Fräulein Nachtigall.
Sie saß auf ihrem Einhorn und flog gerade auf den Boden des Raumes.
„Drei.“
„Ihr solltet auf sie hören, Oger.“
„Zwei.“
„Sie meint es ernst, glaubt mir.“
„Eins.“
„War schön, Euch kennengelernt zu haben.“
Die Magierin zögerte nicht lange, schwang ihre Waffe und einen Augenblick später traf ein Feuerball den Oger, der zu Boden ging.
Dummerweise auch ich.
„Geht es Euch gut, Kommandantin?“, fragte Nachtigall, kam auf mich zu und reichte mir ihre Hand, um mir aufzuhelfen.
„Danke. Es geht mir auf jeden Fall besser als dem Oger“, meinte ich und deutete auf das Wesen, das nun ohnmächtig in einer Ecke des Raumes lag.
Mit Hilfe von Nachtigalls Einhorn flogen wir zu Herr Prachtstaffelschwanz hinauf und gingen zum Eingang der Höhle zurück.
„Irgendwie kam mir der Oger bekannt vor“, meinte der Prinz nach einer Weile.
Ich runzelte die Stirn. „Woher denn?“
„Ich glaube, er wird steckbrieflich gesucht. Ich bin mir aber nicht sicher.“
Ich blieb abrupt stehen. „Steckbrieflich gesucht? Nein, nein, nein!“
Augenblicklich lief ich zu dem Loch zurück, durch das man in den Raum des Ogers sehen konnte.
Wie befürchtet waren alle Schätze, die ich gesehen hatte, weg. Und auch der Oger war gerade drauf und dran, zu verschwinden. Und der Grund war nur zu klar.
„Bleibt sofort stehen, Kopfgeldjäger! Im Namen der Heldentruppe befehle ich es Euch!“, schrie ich zu den zwei Frauen herunter, die gerade dabei waren, das Wesen aus der Höhle zu schleppen. Und da war tatsächlich noch ein Mann mit Mütze, der ihnen dabei half.
Fräulein Amethystglanzstar sah zu mir hinauf.
„Ah, das Fräulein Kommandantin. Zu spät, wie immer“, spottete sie und deutete auf den Oger. „Vielen Dank für Eure Hilfe. Wir hätten den Oger zwar auch allein überwältigen können, aber warum sich die Hände schmutzig machen, wenn man Aushilfshelden hat, die sich darum kümmern können?“
Unerhört!
„Wir sind keine Aushilfshelden! Ihr sprecht hier mit einem Oberhaupt dieses Landes! Ihr solltet gefälligst mehr-“
Ich brach ab, als direkt neben meinem Gesicht ein Pfeil vorbei flog.
Wortlos sank ich zu Boden und starrte den Kerl an, der mich um wenige Millimeter verfehlt hatte.
„Anstatt uns mit leeren Worten zu langweilen, solltet Ihr an Eurer Magie feilen. Eure heutige Vorstellung war mehr als peinlich. Beim nächsten Mal werde ich aus Versehen treffen.“
Das war doch wohl...!
Hinter dem Mann tauchte auch noch Fräulein Berghüttensänger auf, die mich frech angrinste.
„Ihr habt Herr Habichtfalke gehört. Der macht keine Scherze“, sagte sich kichernd.
Mittlerweile waren auch Fräulein Nachtigall und Herr Prachtstaffelschwanz wieder bei mir.
„Was ist das denn für ein Vogel?“, fragte der Prinz und deutete auf den Mann mit Mütze.
„Ein unhöflicher, skrupelloser Wahnsinniger ist das!“, brüllte ich ungehalten und warf einen Stein nach den Kopfgeldjägern, den Habichtfalke mit einem weiteren Pfeil einfach abwerte.
Der war beängstigend gut.
„Ich wiederhole mich ungern, Kommandantin. Beim nächsten Mal wird mir ein Versehen passieren“, sagte er, bevor er zusammen mit den beiden Kopfgeldjägerinnen und dem Oger verschwand.
Ich atmete tief ein und aus.
„Warum immer ich? Was habe ich getan?“, jammerte ich und klammerte mich an Fräulein Nachtigall, die meinen Ausbruch über sich ergehen ließ.
Wenn ich diese miesen Kopfgeldjäger in die Finger bekam...! Nachtigall und Prachtstaffelschwanz würden ihnen schon das Fürchten lehren...!
„Gehen wir nach Hause“, schlug Fräulein Nachtigall nach einer Weile vor und ich nickte niedergeschlagen.

Das war eindeutig nicht mein Tag.

Erzählung: Herr Prachtstaffelschwanz

Zufrieden lehnte ich mich zurück und genoss die Ruhe dieses wunderschönen Morgens.
Eine Tasse Tee, frisches Brot mit Käse und die ersten Sonnenstrahlen, die durch das offene Fenster herein fielen... Ein herrlicher Start in den Tag.
»Einen wundervollen guten Morgen wünsche ich Euch«, krähte vom Fenster plötzlich jemand und ich zuckte zusammen.
»Morpheus«, knurrte ich und verengte die Augen. Diesen Hexer bereits morgens zu treffen, hieß meistens nichts Gutes.
Der Kolkrabe flog auf einen Stuhl und nahm dann seine menschliche Gestalt an.
»Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?«, fragte ich und beobachtete Morpheus ganz genau. Ich traute ihm nicht über den Weg.
Der Hexer grinste und eine Spinne krabbelte aus seinem Haar und landete auf meinem Tisch.
Herrlich, konnte er seinen privaten Tierpark nicht bei sich lassen?
»Ihr wisst, wie gern ich der Überbringer schlechter Nachrichten bin«, fing er an, nahm ungefragt meine Teetasse und trank einen Schluck daraus. »Und vor kurzer Zeit ist mir etwas zu Ohren gekommen, das Euch sicherlich brennend interessieren wird.«
Ich runzelte die Stirn. Das klang gefährlich nach Ärger. Nach großem Ärger.
»Dann raus mit der Sprache. In einer halben Stunde ist mein Dienstbeginn«, drängte ich und aß schnell den Rest meines Frühstücks, bevor sich mein Gast auch noch dieses klaute.
Morpheus lehnte sich weit über den Tisch und grinste noch breiter, als zuvor.
»Ihr werdet Euch gewiss darüber freuen, dass der gute Graf Pfau nun der König von Lorberia ist.«
Ich sah den Hexer ungläubig an. »Wie bitte? Das ist doch ein Scherz!«
»Nein, aber amüsant ist es trotzdem, findet Ihr nicht?«
Morpheus lachte schadenfroh und weitere Spinnen krabbelten aus seinem Haar und verteilten sich in meinem Haus.
»Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Es gab mehrere Adlige, die einen Anspruch auf den Thron von Lorberia hatten! Was ist mit denen passiert?«, wollte ich wissen.
Der Hexer zuckte mit den Schultern und lachte. »Es gab ein paar Unfälle, bei denen drei der vier möglichen Kandidaten für die Thronfolge ins Gras gebissen haben. Welch seltsamer Zufall, nicht wahr?«
Zufall, natürlich!
»Was ist mit dem vierten?«
»Der letzte Prinz ist seit den Unfällen verschwunden. Und somit hatte der gute Graf Pfau freie Bahn«, antwortete Morpheus und lehnte sich zurück.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Beim Erbauer, wie konnte es von allen Bürgern Lorberias dieser Lackaffe auf den Thron schaffen?«
»Einfluss, gutes Aussehen, Geld«, zählte der Hexer auf und grinste mich an.
Ich seufzte schwer. »Wie schnell so ein schöner Morgen doch zerstört werden kann...«
Morpheus lachte auf. »Es kommt doch noch viel besser. Als vorbildliches Nachbarkönigreich haben Fräulein Taube und Meister Eule bereits eine Feier für den neuen König organisiert. Ich hoffe, Ihr habt heute Abend noch nichts vor.«
Entsetzt starrte ich meinen Gegenüber an und schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Natürlich haben sie das. Warum geben wir dem Vogel nicht auch noch gleich unser Königreich mit dazu? Wie kommen die darauf, diesen Dreckskerl einzuladen?«
Wie konnten die zwei das ohne mich bestimmen? Ich hatte hier auch etwas zu sagen!
»Jedes gute Königreich beherrscht die Kunst des Arschkriechens.«
Ich verdrehte die Augen und stand auf. »Ich würde dem Kerl viel lieber in den Arsch treten.«
Morpheus nahm wieder seine Rabengestalt an und flog auf das Fensterbrett.
»Ich habe noch eine wundervolle Neuigkeit für Euch«, fing er an und ich hoffte im Stillen, dass er bald den Schnabel hielt. »Ihr wisst ja sicherlich, dass Ihr bei der heutigen Feier als Oberhaupt des Königreichs anwesend sein müsst, nicht wahr? Eure Uniform dürft Ihr also endlich wieder gegen Euer bezauberndes Kleid eintauschen. Ich wünsche viel Vergnügen mit all den Heuchlern, Schmeichlern und anderen schmierigen Gestalten.«
Das sadistische Lachen des Hexers hallte noch lange in meinen Ohren nach.
Niedergeschlagen lehnte ich mich gegen die Schranktür.
»Der Tag hatte so gut angefangen...«


Genervt stolperte ich den Festsaal und suchte nach Meister Eule.
Der würde von mir jetzt mal eine kräftige Standpauke bekommen! Ein Fest für diesen Graf Pfau zu veranstalten, war doch wirklich der größte Fehler, den man machen konnte!
Ich entdeckte den Elf am Rand des Saals mit einer Gruppe von Magiern. Wahrscheinlich erzählte er seinen Schülern gerade von den ach so bösen Abtrünnigen, Hexen und Hexern.
Zielstrebig und so schnell, wie es mir in meinem Kleid möglich war, ging ich auf den mürrischen Magier zu.
»Meister Eule, ich muss kurz mit Euch sprechen«, sagte ich gespielt freundlich.
Der Elf blickte herablassend auf mich nieder und schnaubte leise.
»Kann das nicht warten, Abtrünnige?«
Ich ballte die Hände zu Fäusten. Jetzt bloß nicht ausflippen.
»Nein«, knurrte ich nur und entfernte mich dann ein Stück von der Gruppe, in der Hoffnung, dass mir Meister Eule folgen würde.
Tatsächlich bewegte sich der alte Mann nach einer Weile auf mich zu.
»Was ist los?«, fragte er sichtlich genervt und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Das wollte ich Euch fragen«, sagte ich bissig. »Wie um alles in der Welt kommt Ihr dazu, eine Feier für diese falsche Schlange Pfau zu veranstalten, ohne mich zu fragen?«
Meister Eule hob eine Augenbraue. »Erstens solltet Ihr dem neuen Herrscher von Lorberia mehr Respekt entgegenbringen und zweitens wüsste ich nicht, was Eure Meinung an der Entscheidung geändert hätte. Fräulein Taube und ich waren uns einig. Eure Stimme wäre nicht mehr ins Gewicht gefallen.«
Das war doch wirklich die Höhe!
»Dieser Kerl hat die Krone nicht verdient und das wisst selbst Ihr! Mit dieser Feier unterstützt Ihr doch nur sein Verbrechen!«
»Welches Verbrechen? Das Volk hat ihn zum König erwählt.«
Ich verdrehte die Augen. »Nachdem er die wahren Thronfolger beseitigt hat!«
Der Elf winkte ab. »Ich will heute keine Diskussion mit Euch beginnen. Verhaltet Euch zumindest an diesem Abend wie ein normaler Mensch und seht ein, dass Ihr nicht immer recht haben könnt.«
Mit diesen Worten verschwand der alte Mann und ließ mich fuchsteufelswild zurück.
Wie konnten alle hier einfach ignorieren, dass Graf Pfau ein Verbrecher war? Es war so offensichtlich!
Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich mit einen Gast zusammen stieß.
»Entschuldigung«, sagte ich und war schon drauf und dran, zum Buffet zu stiefeln, als ich von der Person zurückgehalten wurde, mit der ich eben zusammen gestoßen war.
»Verzeiht bitte, aber seid Ihr nicht Kommandantin Quetzal?«
Ich nickte. »Ja, das ist richtig.«
Der junge Mann vor mir sah sich kurz nach allen Seiten um und senkte dann die Stimme. »Ich muss mit Euch reden. Unter vier Augen.«
Ich runzelte die Stirn. Das klang sehr verdächtig.
»In Ordnung. Gehen wir auf den Balkon«, schlug ich vor und deutete auf die großen Glastüren vor uns.
Irgendwelche Mordversuche würde er dort wohl nicht starten, denn schließlich konnte man uns durch das Fensterglas immer noch sehen.
Nachdem ich die Türen hinter uns geschlossen hatte, blickte ich erwartungsvoll zu dem Mann vor mir auf.
»Mein Name ist Prachtstaffelschwanz. Ich bin der letzte lebende Thronfolger von Lorberia.«
Ich brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten.
»Ähm... Okay«, sagte ich erst einmal und überlegte dann, ob das, was er mir gerade gesagt hatte, die Wahrheit sein konnte.
»Glaubt Ihr mir?« fragte Prachtstaffelschwanz und ich zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß noch nicht so genau«, gab ich zu. »Wenn es stimmt, was Ihr sagt, warum wird dann da drin diese falsche Schlange als König gefeiert, wenn Ihr einen Anspruch auf den Thron habt?«
Er seufzte schwer. »Hätte ich Anspruch auf den Thron erhoben, hätte ich das gleiche Schicksal erleidet, wie die anderen drei Thronfolger... Mein Glück ist, dass man meine Identität immer geheim gehalten hat und ich mich deshalb relativ frei bewegen kann. Mein Pech ist jedoch, dass man mich genau deswegen auch nicht als Thronfolger erkennen kann. Es gibt keine klaren Beweise dafür, dass ich wirklich ein Prinz bin.«
»Was Eure Geschichte natürlich nicht unbedingt glaubwürdiger macht«, gab ich zu Bedenken und seufzte schwer. »Ihr habt wirklich gar keine Beweise?«
Prachtstaffelschwanz zog einen Ring aus seiner Tasche. »Ich habe das hier.«
»Ein Ring?«, fragte ich und betrachtete das Schmuckstück in seiner Hand. Sehr aussagekräftig wirkte das Ding nicht wirklich.
»Es ist ein Siegelring der königlichen Familie von Lorberia. Es gibt vier Stück davon. Die anderen drei hat Graf Pfau«, erklärte er. »Allerdings ist das kein stichhaltiger Beweis, denn schließlich kann jeder irgendwie in Besitz eines solchen Rings kommen, wenn er nur will. Ich könnte ihn auch gestohlen haben.«
Ich runzelte die Stirn. »Das ist wohl wahr.«
Kurz überlegte ich hin und her, dann lächelte ich Prachtstaffelschwanz munter an. »Ich glaube Euch. Auf meine Intuition konnte ich mich bisher immer verlassen.«
Der Prinz lächelte leicht und verbeugte sich. »Vielen Dank, Fräulein Kommandantin. Ich wusste schon, warum ich mich an Euch wenden wollte. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber wärt Ihr dazu bereit, mir dabei zu helfen, mein Königreich vor diesem Scharlatan zu retten?«
Ich nickte sofort. »Ich helfe jedem gerne, der diesen aufgeblasenen Lackaffen als Scharlatan bezeichnet! Ihr könnt auf mich zählen! Bis wir einen guten Plan haben, könnt Ihr gerne der Heldentruppe beitreten.«
»Das klingt nach einer guten Idee. Ich bin ein geübter Schwertkämpfer. Ich bin mir sicher, ich könnte Euch eine Hilfe sein.«
Unser Gespräch wurde unterbrochen, als Meister Eule auf den Balkon trat.
»Ihr werdet im Saal erwartet, Frau Oberhaupt des Landes. Auch Ihr habt beim Eröffnungstanz dabei zu sein.«
Ich streckte dem alten Mann die Zunge raus, als er sich umdrehte und wieder in den Saal trat.
»Ein netter Zeitgenosse«, meinte der Prinz und lachte leise.
Ich schnaubte nur und rümpfte die Nase. »Oh ja, herzallerliebst ist er.«
Prachtstaffelschwanz beugte sich etwas weiter vor und senkte die Stimme. »Ihr müsst mir bitte versprechen, niemandem von meiner wahren Identität zu erzählen. Ich denke, das ist das Beste für alle.«
Ich nickte verstehend. »Ich werde niemandem etwas von Euch erzählen, versprochen.«
Ich machte eine kurze Pause und blickte zur Terrasse über uns.
»Und Ihr werdet ebenfalls Euren Mund halten, ihr beiden.«
Ich hörte das hämische Kichern der Kolkrabengeschwister, die in ihrer Vogelgestalt auf dem Geländer der oberen Terrasse saßen.
Der Prinz blickte erstaunt nach oben. »Ihr kennt diese... Vögel?«
»Besser, als mir lieb ist, ja«, gestand ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was macht Ihr hier?«
Die beiden flogen zu uns herunter und nahmen ihre Menschengestalt an.
»Wir wollten uns ein wenig amüsieren. Gegen einen kleinen Tanz ist doch nichts einzuwenden, oder?«, fragte Morpheus und hakte sich beim Prinzen ein, der nicht wirklich wusste, was hier eigentlich geschah. Der Arme. Wenn man diesen Hexer einmal an sich kleben hatte, war es unmöglich, von ihm loszukommen.
Doch ich hatte es selbst nicht besser getroffen, denn an meiner Seite befand sich nun Morgana, die mich zurück in den Saal drängte. Genau das gleiche Schicksal ereilte Prachtstaffelschwanz, der von Morpheus hinein gezogen wurde.
»Ist das im Namenlosen Königreich normal...? Ich meine, dass Männer mit Männern tanzen und Frauen mit Frauen?«
Ich lächelte säuerlich. »Nein, aber gewöhnt Euch trotzdem daran. Morpheus scheint Euch zu mögen. Mein Beileid.«
Der Hexer lachte schadenfroh. »Neidisch, Frau Kommandantin?«
Ich grinste. »Ich bin mit Eurer Schwester bereits bestens bedient. Ein Unglück reicht mir.«
Morgana kicherte und strich mir über die Wange. »Wie nett von Euch. Ich fühle mich geehrt.«
Ich verdrehte die Augen.
»Willkommen in der Heldentruppe, Herr Prachtstaffelschwanz. Langweilig wird es Euch hier sicher nicht«, sagte ich lächelnd, bevor mich Morgana auf die Tanzfläche zog.

Erzählung: Fräulein Nachtigall

„Ich werde es nicht länger dulden, dass diese Verbrecherin - eine ungehobelte und extrem gefährliche Abtrünnige - weiterhin frei herumläuft!“
Ich verdrehte genervt die Augen. Dieser alte Besserwisser ging mir langsam auf die Nerven! Seine ständigen Zurechtweisungen waren ermüdend.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Meister Eule angriffslustig an. „Ich habe diesem Königreich schon oft einen großen Dienst erwiesen! Nur weil ich Eure stumpfsinnigen Lektionen verpasst habe, bin ich trotzdem dazu in der Lage, mich zu verteidigen!“
Fräulein Taube hob beschwichtigend die Hände und stand auf. „Wir sollten uns nicht streiten. Das führt zu keiner Lösung. Als Oberhäupter dieses Königreichs sollten wir uns nicht in ewigen Streitigkeiten verlieren.“
Ich nickte, war aber keineswegs dazu bereit, nachzugeben.
Ich hatte ein Recht darauf, frei zu sein! Ich brauchte den Zirkel der Magi nicht!
„Wollt Ihr etwa leugnen, dass diese Abtrünnige-“
„Mein Name ist Quetzal!“
„- uns alle ins Chaos stürzt? Sie kann ihre mickrigen Kräfte nicht einmal richtig kontrollieren!“
Das war's! Der Alte bekam jetzt mal etwas von meinen „'mickrigen Kräften' zu spüren, wenn er nochmal so einen Satz heraus haute!
Fräulein Taube nahm meine Hand und lächelte mich an.
„Bitte, Gewalt würde zu gar nichts führen. Ich habe eine bessere Idee“, sagte sie und gab ihrer Dienerin ein Zeichen. Diese verließ den Raum und brachte kurze Zeit später einen Gast herein.
Eine Magierin, das spürte ich sofort. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.
„Kommandantin Quetzal, ich möchte Euch eine Schülerin des Zirkels vorstellen. Sie ist eine ausgezeichnete Magierin, wie Meister Eule sicherlich bestätigen kann. Sie wird Euch, wenn Ihr Hilfe benötigt, gewiss zur Seite stehen können.“
Ich musterte Taube eine Weile. „Eine Aufpasserin, nicht wahr? Ihr glaubt auch, dass ich gefährlich bin, richtig?“
Sie wich meinem Blick aus. „Ihr müsst gestehen, dass Eure Fähigkeiten selbst für Euch manchmal... unvorhersehbar sind.“
Ich schnaubte ärgerlich. Bisher hatte ich meine Kräfte immer unter Kontrolle halten können. Natürlich, es hatte ein paar Unfälle gegeben, aber das konnte jedem passieren! Gewiss auch dieser meisterhaften Magierin. Ich blickte kurz zu ihr. Sie kam mir wirklich irgendwie bekannt vor...
Meister Eule trat zu der Magierin.
„Fräulein Taube, meine beste Schülerin zu opfern, um Kontrolle über die Abtrünnige ausüben zu können, erscheint mir eine Verschwendung zu sein. Wir könnten Zeit und Nerven sparen, indem wir sie einfach zu einer Besänftigen machen würden“, meinte der Alte.
Ich verengte die Augen. Natürlich, das war seine Antwort auf alles! Besänftigung!
Die Magierin ergriff nun das Wort, kam ein paar Schritte auf mich zu und reichte mir die Hand.
„Es freut mich, Euch kennenzulernen, Kommandantin. Ich habe schon viel von Euch gehört“, sagte sie und lächelt leicht.
Ich ergriff zögerlich ihre Hand. „Und Ihr seid?“
Mir wollte immer noch nicht einfallen, warum sie mir so bekannt vorkam.
„Fräulein Nachtigall ist mein Name.“
Moment! Nachtigall? Das war doch diese extrem talentierte Magierin, die alle Prüfungen innerhalb von zwei Jahren bestanden hatte, obwohl jeder normale Magier dafür mindestens zehn Jahre brauchte! Hielt man mich wirklich für so gefährlich, dass man gleich die Beste zu mir schicken musste?
„Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen“, erwiderte ich etwas irritiert und blickte dann wieder zu Fräulein Taube.
„Fräulein Nachtigall hat sich dazu bereit erklärt, der Heldentruppe beizutreten. Ich hoffe, das ist auch in Eurem Interesse, Kommandantin. Sie wird sicherlich eine Bereicherung für die Truppe sein.“
Ich nickte. Selbstverständlich würde sie das sein! Und mich als Magierin drittklassig dastehen lassen..
Eule und Taube begaben sich zum Ausgang.
„Glaubt nicht, dass diese Sache damit geklärt ist, Abtrünnige. Für mich seid und bleibt Ihr immer eine nichtsnutzige Verbrecherin“, knurrte Meister Eule, bevor er zusammen mit Fräulein Taube den Raum verließ.
Ich streckte ihm noch die Zunge raus und seufzte schwer.
„Dieser Kerl bringt mich noch ins Grab“, murrte ich genervt.
Fräulein Nachtigall lachte leise. „Er ist eigentlich ein netter Kerl“, meinte sie.
„Selbstverständlich. Solange man tut, was er will.“
„Als Magier sollte man auch immer tun, was er will. Es ist zum Schutz aller das Beste.“
Ich unterdrückte ein Seufzen. Jeder, aber wirklich jeder hielt mich für gefährlich!
Ich setzte meinen Hut auf und bedeutete der Magierin, mir zum Ausgang zu folgen.
„Und Ihr wollt den Zirkel wirklich verlassen, um auf mich aufzupassen?“, fragte ich, während wir den Palast verließen.
Nachtigall schüttelte den Kopf. „Ich verlasse den Zirkel, um Mitglied der Heldentruppe zu werden. Außerdem...“
Sie sah sich kurz um. „... kann ich mich so von Meister Eule distanzieren. Er mag ein guter Lehrer sein, aber seine Gesellschaft meide ich privat dann doch lieber.“
Ich grinste breit. „Ihr habt Euch gerade einen Platz in meinem Herzen erobert, Fräulein Nachtigall. Willkommen in der Heldentruppe.“
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