Märchen: Rotkehlchen und Aaskrähe
- Ein altes Märchen aus dem Namenlosen Königreich -
Es war einmal eine Aaskrähe, die lebte in einem kleinen Wald, abseits von Gut und Böse. Sie war fast immer allein und alle Besucher verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Sie wusste, dass sie anders war und weil sie nicht wie alle anderen sein konnte, verstand sie niemand.
Da die Krähe sich sehr einsam fühlte, wollte sie ihr Zuhause verlassen, um nach jemandem zu suchen, mit dem sie glücklich sein konnte.
‚Ein wenig Angst habe ich schon‘, dachte die Aaskrähe, doch als sie am Himmel ein paar Vögel fliegen sah, fasste sie Mut und schwang sich in die Lüfte.
„Guten Tag, ich bin die Aaskrähe“, stellte sich die Vogeldame vor und flog der Gruppe von Amseln hinterher.
Eine von ihnen musterte die Aaskrähe lange Zeit. „Was willst du hier? Du bist keine von uns“, meinte die Amsel.
„Darf ich trotzdem bei euch bleiben?“, wollte die Krähe wissen, die Schwierigkeiten hatte, den anderen Vögeln zu folgen. Es schien, als bemühten sie sich, jetzt besonders schnell zu fliegen.
„Du solltest andere Aaskrähen suchen. Zu denen gehörst du nämlich“, erklärte eine weitere Amsel und nahm auf einem Baum platz.
Die Aaskrähe gesellte sich zu ihr und ließ den Kopf hängen. „Ich passe nicht zu ihnen. Sie verstehen mich nicht“, sagte sie traurig und horchte auf, als sie einen wunderschönen Gesang hörte.
„Wer singt da?“, fragte die Krähe und sah sich um.
Die Amsel auf dem Baum schwieg und lauschte ebenfalls. „Das ist das Rotkehlchen. Es singt oft in dieser Gegend, manchmal zusammen mit anderen, meistens aber allein.“
„Wer so schön singen kann, hat doch aber sicher viele Freunde“, meinte die Aaskrähe und schloss die Augen. So einen schönen Gesang hatte sie vorher noch nie gehört. Sie wollte das Rotkehlchen gerne kennenlernen.
Die Amsel aber schüttelte den Kopf. „Sie hat Angst. Es ist schwer, mit ihr zu reden.“
„Warum hat sie Angst?“
„Sie ist eben so. Ganz anders, als andere ihrer Art “, erklärte die Amsel.
Lange schwieg die Aaskrähe und dachte nach. ‚Wie einsam das sein muss. Sicherlich ist auch das Rotkehlchen sehr traurig‘, überlegte sie und ihr wurde schwer ums Herz. ‚Ich will es suchen.‘
„Wo wohnt das Rotkehlchen?“, wollte die Krähe wissen und breitete die Flügel aus.
„Dort, wo man allein sein kann, obwohl man es nicht sein will“, antwortete die Amsel und sah zu, wie der andere Vogel davon flog.
Der Gesang war verstummt und so fiel es der Aaskrähe schwer, das Rotkehlchen zu finden. Mehrere Tage lang suchte sie vergebens, blieb oft still, in der Hoffnung, den wunderschönen Gesang wieder zu hören. Doch niemand sang.
‚Vielleicht will sie nicht gefunden werden‘, dachte die Krähe betrübt und landete in der Nähe eines kleinen Dorfes auf einem Baum.
Die Krähe hatte selten mit Menschen zu tun gehabt. Sie waren ihr ein wenig unheimlich. Sie waren so groß und schon oft hatte sie gehört, dass einige von ihnen auch Jagd auf Vögel machten. Aber auch wusste sie, dass es liebe Menschen gab, die Futter großzügig auf den Boden warfen.
‚Wie es wohl wäre, ein Mensch zu sein?‘, fragte sich die Aaskrähe und beobachtete ein paar der großen Geschöpfe, die in dem Dorf lebten. ‚Ob ich wohl Freunde finden könnte?‘
Während sie ihren Gedanken nachhing, näherte sich zögerlich ein weiterer Vogel dem Dorf. Es war eine kleine Vogeldame, mit wunderschöner orangeroter Kehle. Neugierig, aber auch ein wenig ängstlich, beobachtete sie die Menschen aus dem Dorf. Kurz verharrte sie im Schutz eines kleinen Baumes, dann begann sie zu singen.
Als die Aaskrähe das Lied hörte, schlug ihr Herz schneller. Das war das Rotkehlchen!
Vorsichtig näherte sie sich dem Baum, in dem die kleine Vogeldame saß und versuchte einen Blick auf sie zu erhaschen.
Kaum hatte sie das wundervoll gefärbte rote Kehlchen entdeckt, war es um die Krähe geschehen.
‚Warum muss so ein wundervoller Vogel ganz allein sein?‘, fragte sie sich und betrachtete das Rotkehlchen.
Gerade wollte die Aaskrähe den anderen Vogel ansprechen, als ein junger Mensch langsam auf den Baum zuging, in dem die beiden Vögel saßen.
Das Rotkehlchen schien den Mann zu kennen, denn nun flog es auf die Erde herab und näherte sich dem Menschen. Die beiden waren wohl Freunde. Zumindest sah es so aus.
„Da bist du ja wieder“, sagte der Mensch und warf ein paar Brotstückchen auf den Boden, direkt vor das Rotkehlchen. Die Vogeldame fraß genüsslich das Futter und sah immer wieder zu dem Mann auf. Sie war wohl doch nicht allein. Sie hatte Freunde. Es waren nur keine Vögel.
Der Aaskrähe wurde etwas flau im Magen. Sie hatte gehofft, jemanden zu treffen, der ebenso einsam war wie sie. Doch andererseits freute sie sich für das rote Kehlchen. Keinem auf der Welt wünschte die Krähe, allein sein zu müssen. Sie wusste, wie schlimm das war.
Lange Zeit betrachtete die Aaskrähe die andere Vogeldame. ‚Wie seltsam‘, dachte sie. ‚Wenn ich das Rotkehlchen ansehe, bin ich so glücklich und mein Herz pocht so stark. Was mag das nur sein?‘
Während sie überlegte, gesellte sich ein weiterer Vogel zu ihr. Der Vogelherr hatte gelbe Federn, aber ein Teil des Kopfes war schwarz gefärbt. Es sah aus, als würde er eine Kapuze tragen.
„Guten Tag, werte Dame. Was für ein wunderschöner Tag, nicht wahr?“, flötete der Kapuzenwaldsänger.
Widerwillig wandte die Krähe den Blick von der anderen Vogeldame ab und antwortete: „Ja, herrliches Wetter.“
Der Neuankömmling war ein fröhlicher Geselle und die Aaskrähe mochte solche Vögel ganz besonders gern. Leider blieben solche Besucher immer nicht lange, sondern zogen ständig weiter.
Die Krähe und der Kapuzenwaldsänger unterhielten sich lange und so merkte die Vogeldame viel zu spät, dass das Rotkehlchen bereits davon geflogen war.
„Oh nein, ich muss schnell weg und es suchen!“, rief die Aaskrähe und flatterte aufgeregt mit den Flügeln.
Der Kapuzenwaldsänger fragte sie: „Was suchst du?“
„Das Rotkehlchen“, sprach die Krähe. „Das suche ich schon ewig.“
Schnell sah sie sich um. „Ich hatte es schon gefunden, doch nun habe ich es wieder aus den Augen verloren.“
„Das einsame Rotkehlchen?“, hakte der Vogelherr nach. „Das findest du oft bei der Vogeltränke. Dort badet es gerne. Wenn nicht jetzt, dann zu einer anderen Zeit.“
Die Aaskrähe bedankte sich überschwänglich für diesen Hinweis und flog davon.
So schnell sie konnte, flog die Krähe zur Vogeltränke. Und tatsächlich, das Rotkehlchen war dort und badete ganz allein.
Aus einiger Entfernung betrachtete die Aaskrähe den anderen Vogel. ‚Wie hübsch es ist‘, dachte sie sich. ‚Ich würde so gerne mit ihm reden.‘
Doch da kamen ihr Zweifel. ‚Was ist, wenn es mich nicht mag?‘
Weil sich die Aaskrähe nicht traute, blieb sie in einem Busch sitzen. Das rote Kehlchen währenddessen plantschte weiter vergnügt im Wasser und beobachtete die Menschen, die ab und zu an ihr vorbei gingen. Sie schien diese Geschöpfe zu mögen.
Als die kleine Vogeldame dann versuchte, sich zu trocknen, fasste sich die Aaskrähe ein Herz und flog zu ihr herüber.
Erschrocken zuckte das Rotkehlchen zusammen. „Wer bist du?“, fragte es leise.
„Ich bin die Aaskrähe“, antwortete der andere Vogel. „Ich habe nach dir gesucht.“
„Nach mir?“
Die Krähe nickte. „Ja, denn ich hörte, du bist oft allein, so wie ich. Ich dachte mir, dass wir zusammen nicht mehr so allein sind.“
Das rote Kehlchen schwieg eine Weile. „Das stimmt sicherlich“, meinte sie, doch irgendwie klang sie traurig.
„Was bedrückt dich?“, fragte die Aaskrähe besorgt.
Die kleine Vogeldame wandte sich ab und betrachtete eine Gruppe von Menschen. „Du wirst mich auslachen, wenn ich dir davon erzähle.“
„Gewiss nicht!“, versicherte die Krähe.
Das Rotkehlchen machte eine lange Pause, dann sagte es: „Ich wäre so gerne ein Mensch, dann könnte ich bei dem Jungen leben, den ich so mag.“
Die Aaskrähe spürte einen Stich in der Brust. Der wunderschöne Vogel wollte mit Menschen befreundet sein, nicht mit ihr.
Langsam näherte sie sich der kleineren Vogeldame. „Wenn ich dir helfen könnte, würde ich es sofort tun“, sagte sie.
„Wie nett von dir. Weißt du, es gibt einen Weg, aber der ist sehr gefährlich“, erklärte das Rotkehlchen betrübt und sah nun zur Krähe auf.
‚Was für schöne Augen es hat‘, dachte die Aaskrähe. „Was ist das für ein Weg?“
„Kennst du den Kolkraben? Er ist ein besonderer Vogel, denn er kann sich in einen Menschen verwandeln.“
Die Aaskrähe machte große Augen. So etwas hatte sie noch nie gehört.
„Er kann auch andere Vögel in Menschen verwandeln, aber ich habe Angst, ihn darum zu bitten. Die Blaumeise hat mir erzählt, dass der Kolkrabe so kleine Vögel wie mich frisst, wenn er gerade Hunger hat“, berichtete das rote Kehlchen und schauderte.
„Ich werde den Kolkraben suchen und darum bitten, dich zu verwandeln“, sagte die Krähe sofort. Sie wollte dem Rotkehlchen helfen. Angst hatte die Aaskrähe nicht.
Nachdem die kleinere Vogeldame erzählt hatte, wo der Kolkrabe lebte, machte sich die Krähe auch schon auf den Weg.
Die Nacht brach herein, als die Aaskrähe in dem Wald ankam, von dem das Rotkehlchen erzählt hatte. Hier sollte der Kolkrabe leben.
Als die Vogeldame die kahlen, toten Äste der Bäume entdeckte, wurde ihr ganz anders.
‚Was für ein fürchterlicher Ort das hier ist‘, überlegte sie sich. Als sie aber wieder an ihre Freundin mit dem roten Kehlchen dachte, vergaß sie ihre Angst und begab sich auf die Suche nach dem Kolkraben.
Die Krähe fühlte sich in dieser Gegend unwohl. An solch einem Ort wollte sie niemals leben. Seltsame Vögel flogen hier herum. Groß wie Riesen, mit Halskrausen und nacktem Kopf. Sie kreisten am Himmel und schienen nach Fressen zu suchen.
‚Hoffentlich schmecken ihnen andere Vögel nicht‘, dachte die Aaskrähe, während sie durch den kahlen Wald flog.
Irgendwann erreichte der Vogel eine einsame Holzhütte am Rande des Waldes.
‚Wer hier wohl wohnt?‘, fragte sich die Aaskrähe und setzte sich auf ein Fensterbrett.
Das Fenster war kaputt und die Vogeldame musste vorsichtig sein, da es hier etliche Scherben gab.
In dem Haus entdeckte sie einen Menschen. Er hatte schwarze, strubbelige Haare, in denen einige Spinnweben hingen. Besonders auffällig an ihm war der Mantel, den er trug. Er bestand aus unzählig vielen schwarzen Federn.
„Der Kolkrabe“, piepste die Krähe und der Mensch wurde auf sie aufmerksam. Er grinste über das ganze Gesicht, näherte sich dem Fenster und beugte sich hinaus. Seine Hände stemmte er auf das Fensterbrett, direkt auf die Scherben. Aber das schien ihm nichts auszumachen.
Die Aaskrähe schauderte, konnte sich vor lauter Angst aber nicht von der Stelle bewegen und starrte den Menschen an.
„Ein Herz voller Sehnsucht. Ich kann es fühlen. Du willst etwas von mir. Sicherlich kann ich es dir geben“, sprach der Kolkrabe in Menschengestalt.
Die Vogeldame nickte leicht. „Eine Freundin von mir hat erzählt, dass du andere Vögel in Menschen verwandeln kannst.“
„Ja, das kann ich. Du benötigst also meine Dienste?“
Der Kolkrabe fuhr sich durch das dunkle Haar, aus dem eine kleine Spinne kroch.
Der Aaskrähe wurde flau im Magen und sie wandte den Blick ab.
„Nicht ich, meine Freundin. Sie möchte so gerne ein Mensch werden“, antwortete sie.
Der Rabe lachte laut und stupste die Krähe grob an. „Warum fragt sie dann nicht selbst, das Vögelchen?“
Kurz zögerte die Vogeldame mit ihrer Antwort. „Sie hat Angst vor dir. Die Blaumeise hat ihr erzählt, dass du kleine Vögel frisst.“
Wieder lachte der Kolkrabe. „Nur bei Vollmond und wenn es regnet.“
Der Aaskrähe war dieser Geselle nicht geheuer. Sie verstand, warum die anderen Angst vor ihm hatten.
„Kannst du ihr helfen?“, wollte sie wissen.
Der Mensch nickte und grinste noch breiter. „Selbstverständlich. Aber das kostet etwas.“
„Ich werde den Preis zahlen“, antwortete die Krähe sofort. Sie wollte alles tun, damit das Rotkehlchen glücklich werden konnte. Sie wollte nicht, dass der kleine Vogel traurig sein musste.
Zufrieden lächelte der Rabe und hüllte sich in seinen Mantel ein.
„Du musst mir Federn bringen.“
„Welche Federn?“, wollte die Vogeldame wissen.
Kurz verschwand der Mensch in einem anderen Zimmer und kehrte mit einem alten Buch zurück, das er aufschlug.
„Die Feder eines unglücklichen Vogels. Eine rote Feder. Die Feder eines verliebten Vogels. Die Feder eines einsamen Vogels. Eine schwarze Feder. Die Feder eines toten Vogels“, las der Kolkrabe laut vor.
Die Aaskrähe überlegte eine Weile. „Ich bin unglücklich. Du kannst meine Feder haben“, sagte sie und streckte einen Flügel aus.
Sofort riss der Rabe eine Feder aus und betrachtete sie eingehend. „Welch Unglück dir beschert ist, kleines Vögelchen. Es wiegt so schwer, wie herrlich. Wie kommt es, dass du noch fliegen kannst, wo du doch so eine Last zu tragen hast?“
Gehässig lachte der Vogel in Menschengestalt.
Die Aaskrähe war wütend. Der Rabe machte sich lustig über sie. Nun wusste sie wirklich, warum ihn scheinbar niemand mochte. Er war böse.
„Nun such mir eine rote Feder“, forderte der Kolkrabe und legte die Feder der Krähe in sein Buch hinein. „Und beeil‘ dich. Es ist bald Vollmond und ich habe Hunger.“
Angsterfüllt und mit Wut im Bauch flog die Vogeldame davon. Hinter sich hörte sie noch das grausige Lachen des Kolkraben.
Das Rotkehlchen schauerte, als die Aaskrähe von ihrer Begegnung mit dem Kolkraben erzählte.
„Ich wäre sicherlich vor Angst gestorben“, meinte sie und sah zur größeren Vogeldame auf. „Vielen Dank, dass du zu ihm geflogen bist.“
Der Krähe wurde warm ums Herz. Sie freute sich darüber, dass sich das rote Kehlchen bei ihr bedankte. Doch noch hatte die Aaskrähe den Wunsch ihrer Freundin nicht erfüllt.
„Ich soll ihm eine rote Feder bringen“, sagte sie und das Rotkehlchen nickte.
„Nimm eine von meinen Federn.“
Die kleine Vogeldame plusterte ihr Gefieder auf und streckte die Brust heraus.
Vorsichtig zog die Aaskrähe eine der wunderschönen roten Federn heraus.
‚Hoffentlich habe ich ihr nicht weh getan‘, dachte die Krähe, sah das Rotkehlchen noch kurz an und flog dann wieder zurück zum Kolkraben.
Der Vogel in Menschengestalt nahm zufrieden lächelnd die rote Feder des Rotkehlchens entgegen.
„Gut, gut. Kleines Vögelchen, du bist fleißig“, lobte der Kolkrabe und stupste die Aaskrähe an. „Als nächstes brauche ich die Feder eines verliebten Vogels.“
Wortlos streckte die Krähe ihren Flügel aus und wandte verlegen den Blick ab.
Der Rabe lachte laut. „Wie dumm du bist. Alles willst du für sie geben, nur um dann doch festzustellen, dass Liebe nichts weiter ist als eine Illusion. Ein Traum, den Dummköpfe leben, weil sie so große Angst vor der Einsamkeit und der Wirklichkeit haben.“
Grinsend riss er der Vogeldame eine Feder aus, die er in sein Buch legte.
Die Aaskrähe wurde wieder wütend. Dieser komische Vogel musste sich nicht wundern, dass alle Angst vor ihm hatten!
„Und nun die Feder eines einsamen Vogels.“
Ein weiteres Mal streckte die Krähe ihren Flügel aus.
Gehässig lachte der Rabe und riss wieder eine der Federn aus. „Liebe muss ein schrecklicher Fluch sein“, sagte er.
Der Kolkrabe grinste die Aaskrähe an, als er nach der nächsten Feder fragte. „Eine schwarze Feder bitte.“
Kurz zögerte die Krähe, doch dann hielt sie ihrem Gegenüber erneut ihren Flügel hin. Nachdem der Vogel in Menschengestalt auch diese Feder ausgerissen hatte, lachte er schallend. „Bald bist du ein ganz nacktes Vögelchen.“
Der Vogeldame war elend zumute. Der Kolkrabe war nicht sacht mit ihr umgegangen, als er die Federn entfernt hatte und etwas traurig betrachtete sie die kahlen Stellen in ihrem Gefieder. 'Ich mache es für das Rotkehlchen', dachte sie dann aber wieder.
Der Rabe beugte sich zur Aaskrähe vor. „Zuletzt brauche ich die Feder eines toten Vogels“, sagte er leise und grinste bösartig. „Was ist damit? Bist du selbst dazu bereit, dummes Vögelchen? Oder muss ein anderer dafür dran glauben?“
Die Krähe schüttelte schnell den Kopf. „Andere werden nicht deswegen sterben“, sagte sie sofort. So etwas wollte sie niemals tun!
„Gut, gut. Aber was dann, kleines Vögelchen?“, fragte der Kolkrabe grinsend. „Ist dir diese Liebe so viel wert, dass du für sie sterben würdest?“
Die Vogeldame ließ den Kopf hängen. „Es gibt keinen, der mich vermissen würde“, sagte sie betrübt. „Was macht es für einen Unterschied, ob ich lebe oder sterbe? Das Rotkehlchen wird ein Mensch sein und dann bin ich noch immer allein. Vielleicht ist es besser, wenn ich nicht mehr da bin.“
Wieder lachte der Vogel in Menschengestalt und stupste die Krähe unsanft an. „Liebe bricht jeden Willen, wie es scheint.“
Der Kolkrabe lehnte sich zurück und sah zum Himmel. „Sieh nur, heute Nacht ist Vollmond.“
Die Aaskrähe sah zu dem Menschen auf. „Und du wirst sie tatsächlich in einen Menschen verwandeln?“, wollte sie wissen, nachdem sie sich nun mit ihrem Schicksal abgefunden hatte.
„Du hast mein Wort, kleines Vögelchen.“
Schweigend machte die Vogeldame einen Schritt nach vorne, auf den Kolkraben zu, der grinsend nach der Krähe griff und sie in seiner Hand fast zerdrückte.
„Eine schwere Last, kleines Vögelchen. Aber jetzt wirst du von ihr befreit. Du wirst von allem befreit“, sagte der Rabe und die Aaskrähe drückte ängstlich die Augen zusammen.
Ein paar Momente lang tat sich nichts, dann hörte die Aaskrähe das gehässige Lachen des Kolkrabens.
„Hast du tatsächlich geglaubt, dass ich dich jetzt fresse, mit Haut und Federn?“, fragte er vergnügt und tippte der Vogeldame grob auf den Kopf. „So gut schmecken Krähen nicht, glaub‘ mir.“
Zögerlich öffnete der Vogel wieder die Augen. „Aber... ich muss tot sein, damit das Rotkehlchen ein Mensch werden kann“, sagte sie.
Der Rabe lachte laut auf und riss der Aaskrähe erneut eine Feder aus. „Die Feder eines todesmutigen Vogels reicht hierfür auch aus.“
Überrascht sah die Krähe den anderen Vogel an und meinte sogar, für einen kurzen Moment ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
‚Vielleicht ist er doch nicht so böse, wie ich dachte‘, überlegte die Vogeldame. ‚Vielleicht hat er nur verlernt, nett zu sein, weil er immer allein ist.‘
Nun hatte die Krähe ein wenig Mitleid mit dem Kolkraben. Vielleicht konnten sie ja Freunde werden.
„Danke“, sagte die Vogeldame glücklich. „Kann das Rotkehlchen jetzt ein Mensch werden?“
Der Vogel in Menschengestalt nickte und ließ die Krähe los. „Bring‘ sie morgen früh zu mir. Dann erfülle ich ihr ihren größten Wunsch.“
Erleichtert blickte die Aaskrähe den Menschen an, bedankte sich noch mehrere Male und flog dann zurück.
Auf dem Rückweg dachte sie noch einmal über alles nach. So sehr hatte sich die Krähe gewünscht, endlich nicht mehr allein zu sein und mit dem Rotkehlchen hätte sich ihr Wunsch erfüllt. Doch sobald das rote Kehlchen ein Mensch war, würde sie nicht bei der Aaskrähe bleiben. Sie wollte lieber zu diesem Menschenjungen, den sie so mochte.
Die Vogeldame war hin und her gerissen. Sie wollte glücklich sein, aber sie wollte auch, dass das Rotkehlchen glücklich war.
Mit einem schmerzhaften Gefühl in der Brust flog sie zur Vogeltränke, wo ihre Freundin wartete.
Erschrocken betrachtete die kleinere Vogeldame das Gefieder der Aaskrähe.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte das rote Kehlchen besorgt.
Die Krähe lächelte leicht. „Ich habe dem Kolkraben meine Federn gegeben, damit er dir deinen Wunsch erfüllt“, erklärte sie.
Eine Weile schwieg das Rotkehlchen und sah zu Boden. Dann hob sie den Kopf wieder und fragte: „Warum tust du das für mich?“
„Weil ich dich gern habe.“
„Aber ich kann dir nichts geben, um mich zu bedanken.“
Die Aaskrähe sah zum Vollmond hinauf. „Du musst mir nichts geben. Es reicht mir, wenn ich weiß, dass du glücklich bist.“
Ein paar Minuten lang schwiegen die beiden Vogeldamen.
Als die Nacht immer kälter wurde, begann das Rotkehlchen zu zittern.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte sie. „Ich bin zu aufgeregt.“
„Ich bleibe mit dir wach“, versicherte die Aaskrähe und legte einen Flügel um das rote Kehlchen. Schweigend kuschelte sich der kleinere Vogel an die Krähe. So verharrten sie bis zum Morgengrauen.
Kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, machten sich die beiden Vögel auf den Weg zum Kolkraben.
Während sie durch den Wald flogen, sprachen sie nicht miteinander. Jeder hing seinen Gedanken nach.
'Vielleicht kann ich sie ab und zu besuchen', überlegte die Aaskrähe und sah immer wieder zum Rotkehlchen.
Als die beiden bei der alten Holzhütte angekommen waren, stand der Kolkrabe bereits am Fenster und grinste vor sich hin.
„Da sind ja die kleinen Vögelchen. Herzlich Willkommen“, begrüßte der Mensch seine Gäste, die vor ihm auf dem Fensterbrett landeten.
Das Rotkehlchen versteckte sich ängstlich hinter der Aaskrähe. Noch immer erinnerte es sich an die Worte der Blaumeise.
„So ein hübsches kleines Vögelchen“, sagte der Kolkrabe erfreut und betrachtete das Rotkehlchen. „Du schmeckst bestimmt gut.“
Die Krähe breitete schützend ihre Flügel aus und sah den Raben wütend an. Er sollte seiner Freundin keine Angst einjagen!
Der Vogel in Menschengestalt lachte laut. „Keine Sorge, kleines Vögelchen. Ich werde deiner Freundin nichts tun.“
Die Aaskrähe traute dem Kolkraben nicht so ganz und blieb dicht beim Rotkehlchen.
„Du hast versprochen, meiner Freundin ihren Wunsch zu erfüllen“, sagte sie.
Der Mensch nickte grinsend. „Richtig, richtig. Ich werde tun, was ich kann. Also, kleines Vögelchen. Deinen größten Wunsch soll ich dir erfüllen, ja?“
Das rote Kehlchen nickte zögerlich. „Ja, bitte.“
Der Rabe musterte die kleine Vogeldame eine ganze Weile und stupste sie dann leicht an. „Ich kann dir nicht helfen“, meinte er dann und zuckte mit den Schultern.
Die Aaskrähe flatterte empört mit den Flügeln. „Du hast es versprochen!“
Der Vogel in Menschengestalt fuhr sich durch die Haare und eine schwarze Spinne krabbelte über seine Schulter.
„Dein größter Wunsch hat sich bereits erfüllt, kleines Vögelchen. Was soll ich da noch tun?“
Die Krähe blickte das Rotkehlchen überrascht an. „Ist das wahr?“, fragte sie und der kleinere Vogel nickte nach einer Weile.
Die Aaskrähe verstand es nicht. „Aber dein größter Wunsch war es doch, ein Mensch zu werden.“
Das rote Kehlchen schüttelte den Kopf. „Nein... Mein größter Wunsch war es, nicht mehr allein zu sein und jemanden zu finden, bei dem ich mich wohlfühle und der mich beschützt. Ich dachte, nur der Menschenjunge könnte mir diesen Wunsch erfüllen“, antwortete sie.
Die Aaskrähe sah ihre Freundin fragend an. „Und jetzt denkst du das nicht mehr?“, wollte sie wissen.
Der Kolkrabe lachte laut auf und tippte ihr auf den Kopf. „Dummes Vögelchen! Du verstehst liebe Worte nicht, weil du glaubst, sie nicht verdient zu haben.“
Der Mensch schubste die beiden Vogeldamen aufeinander zu, bis sich ihre Schnäbel berührten.
Zufrieden grinste er. „Ich halte immer mein Wort. Und sogar mehr als das. Ich habe nicht nur den Wunsch deiner Freundin erfüllt, sondern auch deinen. “
Verlegen wandte sich das Rotkehlchen ab und die Aaskrähe sah sie verwundert an.
„Ich... war dein Wunsch?“, wollte sie wissen.
Die kleinere Vogeldame sah zu ihrer Freundin auf. „Ja. Wenn du bei mir bist, bin ich nicht mehr allein. Das ist alles, was ich immer wollte.“
Das Herz der Aaskrähe schlug schneller und zögerlich legte sie einen Flügel um das Rotkehlchen.
„Ich liebe dich“, sagte sie leise und schmiegte sich an ihre Freundin.
Entzückt kicherte der Kolkrabe und streichelte die beiden Vögel. „Ich habe gehört, verliebte Vögel schmecken besonders gut.“
Das Rotkehlchen zuckte erschrocken zusammen und die größere Vogeldame krähte wütend. „Das ist nicht lustig!“, sagte sie.
„Es war auch nicht lustig gemeint“, meinte der Rabe und grinste böse.
Er lachte laut, als seine beiden Gäste ängstlich davon flogen.
Als die Vogeldamen den Wald des Kolkraben verlassen hatten, setzten sie sich auf einen Ast, um sich auszuruhen.
„Wohin wollen wir nun fliegen?“, fragte das Rotkehlchen nach einer Weile und rückte näher an ihre Freundin heran.
„Wohin wir wollen“, antwortete die Aaskrähe und gemeinsam flogen sie davon.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Es war einmal eine Aaskrähe, die lebte in einem kleinen Wald, abseits von Gut und Böse. Sie war fast immer allein und alle Besucher verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Sie wusste, dass sie anders war und weil sie nicht wie alle anderen sein konnte, verstand sie niemand.
Da die Krähe sich sehr einsam fühlte, wollte sie ihr Zuhause verlassen, um nach jemandem zu suchen, mit dem sie glücklich sein konnte.
‚Ein wenig Angst habe ich schon‘, dachte die Aaskrähe, doch als sie am Himmel ein paar Vögel fliegen sah, fasste sie Mut und schwang sich in die Lüfte.
„Guten Tag, ich bin die Aaskrähe“, stellte sich die Vogeldame vor und flog der Gruppe von Amseln hinterher.
Eine von ihnen musterte die Aaskrähe lange Zeit. „Was willst du hier? Du bist keine von uns“, meinte die Amsel.
„Darf ich trotzdem bei euch bleiben?“, wollte die Krähe wissen, die Schwierigkeiten hatte, den anderen Vögeln zu folgen. Es schien, als bemühten sie sich, jetzt besonders schnell zu fliegen.
„Du solltest andere Aaskrähen suchen. Zu denen gehörst du nämlich“, erklärte eine weitere Amsel und nahm auf einem Baum platz.
Die Aaskrähe gesellte sich zu ihr und ließ den Kopf hängen. „Ich passe nicht zu ihnen. Sie verstehen mich nicht“, sagte sie traurig und horchte auf, als sie einen wunderschönen Gesang hörte.
„Wer singt da?“, fragte die Krähe und sah sich um.
Die Amsel auf dem Baum schwieg und lauschte ebenfalls. „Das ist das Rotkehlchen. Es singt oft in dieser Gegend, manchmal zusammen mit anderen, meistens aber allein.“
„Wer so schön singen kann, hat doch aber sicher viele Freunde“, meinte die Aaskrähe und schloss die Augen. So einen schönen Gesang hatte sie vorher noch nie gehört. Sie wollte das Rotkehlchen gerne kennenlernen.
Die Amsel aber schüttelte den Kopf. „Sie hat Angst. Es ist schwer, mit ihr zu reden.“
„Warum hat sie Angst?“
„Sie ist eben so. Ganz anders, als andere ihrer Art “, erklärte die Amsel.
Lange schwieg die Aaskrähe und dachte nach. ‚Wie einsam das sein muss. Sicherlich ist auch das Rotkehlchen sehr traurig‘, überlegte sie und ihr wurde schwer ums Herz. ‚Ich will es suchen.‘
„Wo wohnt das Rotkehlchen?“, wollte die Krähe wissen und breitete die Flügel aus.
„Dort, wo man allein sein kann, obwohl man es nicht sein will“, antwortete die Amsel und sah zu, wie der andere Vogel davon flog.
Der Gesang war verstummt und so fiel es der Aaskrähe schwer, das Rotkehlchen zu finden. Mehrere Tage lang suchte sie vergebens, blieb oft still, in der Hoffnung, den wunderschönen Gesang wieder zu hören. Doch niemand sang.
‚Vielleicht will sie nicht gefunden werden‘, dachte die Krähe betrübt und landete in der Nähe eines kleinen Dorfes auf einem Baum.
Die Krähe hatte selten mit Menschen zu tun gehabt. Sie waren ihr ein wenig unheimlich. Sie waren so groß und schon oft hatte sie gehört, dass einige von ihnen auch Jagd auf Vögel machten. Aber auch wusste sie, dass es liebe Menschen gab, die Futter großzügig auf den Boden warfen.
‚Wie es wohl wäre, ein Mensch zu sein?‘, fragte sich die Aaskrähe und beobachtete ein paar der großen Geschöpfe, die in dem Dorf lebten. ‚Ob ich wohl Freunde finden könnte?‘
Während sie ihren Gedanken nachhing, näherte sich zögerlich ein weiterer Vogel dem Dorf. Es war eine kleine Vogeldame, mit wunderschöner orangeroter Kehle. Neugierig, aber auch ein wenig ängstlich, beobachtete sie die Menschen aus dem Dorf. Kurz verharrte sie im Schutz eines kleinen Baumes, dann begann sie zu singen.
Als die Aaskrähe das Lied hörte, schlug ihr Herz schneller. Das war das Rotkehlchen!
Vorsichtig näherte sie sich dem Baum, in dem die kleine Vogeldame saß und versuchte einen Blick auf sie zu erhaschen.
Kaum hatte sie das wundervoll gefärbte rote Kehlchen entdeckt, war es um die Krähe geschehen.
‚Warum muss so ein wundervoller Vogel ganz allein sein?‘, fragte sie sich und betrachtete das Rotkehlchen.
Gerade wollte die Aaskrähe den anderen Vogel ansprechen, als ein junger Mensch langsam auf den Baum zuging, in dem die beiden Vögel saßen.
Das Rotkehlchen schien den Mann zu kennen, denn nun flog es auf die Erde herab und näherte sich dem Menschen. Die beiden waren wohl Freunde. Zumindest sah es so aus.
„Da bist du ja wieder“, sagte der Mensch und warf ein paar Brotstückchen auf den Boden, direkt vor das Rotkehlchen. Die Vogeldame fraß genüsslich das Futter und sah immer wieder zu dem Mann auf. Sie war wohl doch nicht allein. Sie hatte Freunde. Es waren nur keine Vögel.
Der Aaskrähe wurde etwas flau im Magen. Sie hatte gehofft, jemanden zu treffen, der ebenso einsam war wie sie. Doch andererseits freute sie sich für das rote Kehlchen. Keinem auf der Welt wünschte die Krähe, allein sein zu müssen. Sie wusste, wie schlimm das war.
Lange Zeit betrachtete die Aaskrähe die andere Vogeldame. ‚Wie seltsam‘, dachte sie. ‚Wenn ich das Rotkehlchen ansehe, bin ich so glücklich und mein Herz pocht so stark. Was mag das nur sein?‘
Während sie überlegte, gesellte sich ein weiterer Vogel zu ihr. Der Vogelherr hatte gelbe Federn, aber ein Teil des Kopfes war schwarz gefärbt. Es sah aus, als würde er eine Kapuze tragen.
„Guten Tag, werte Dame. Was für ein wunderschöner Tag, nicht wahr?“, flötete der Kapuzenwaldsänger.
Widerwillig wandte die Krähe den Blick von der anderen Vogeldame ab und antwortete: „Ja, herrliches Wetter.“
Der Neuankömmling war ein fröhlicher Geselle und die Aaskrähe mochte solche Vögel ganz besonders gern. Leider blieben solche Besucher immer nicht lange, sondern zogen ständig weiter.
Die Krähe und der Kapuzenwaldsänger unterhielten sich lange und so merkte die Vogeldame viel zu spät, dass das Rotkehlchen bereits davon geflogen war.
„Oh nein, ich muss schnell weg und es suchen!“, rief die Aaskrähe und flatterte aufgeregt mit den Flügeln.
Der Kapuzenwaldsänger fragte sie: „Was suchst du?“
„Das Rotkehlchen“, sprach die Krähe. „Das suche ich schon ewig.“
Schnell sah sie sich um. „Ich hatte es schon gefunden, doch nun habe ich es wieder aus den Augen verloren.“
„Das einsame Rotkehlchen?“, hakte der Vogelherr nach. „Das findest du oft bei der Vogeltränke. Dort badet es gerne. Wenn nicht jetzt, dann zu einer anderen Zeit.“
Die Aaskrähe bedankte sich überschwänglich für diesen Hinweis und flog davon.
So schnell sie konnte, flog die Krähe zur Vogeltränke. Und tatsächlich, das Rotkehlchen war dort und badete ganz allein.
Aus einiger Entfernung betrachtete die Aaskrähe den anderen Vogel. ‚Wie hübsch es ist‘, dachte sie sich. ‚Ich würde so gerne mit ihm reden.‘
Doch da kamen ihr Zweifel. ‚Was ist, wenn es mich nicht mag?‘
Weil sich die Aaskrähe nicht traute, blieb sie in einem Busch sitzen. Das rote Kehlchen währenddessen plantschte weiter vergnügt im Wasser und beobachtete die Menschen, die ab und zu an ihr vorbei gingen. Sie schien diese Geschöpfe zu mögen.
Als die kleine Vogeldame dann versuchte, sich zu trocknen, fasste sich die Aaskrähe ein Herz und flog zu ihr herüber.
Erschrocken zuckte das Rotkehlchen zusammen. „Wer bist du?“, fragte es leise.
„Ich bin die Aaskrähe“, antwortete der andere Vogel. „Ich habe nach dir gesucht.“
„Nach mir?“
Die Krähe nickte. „Ja, denn ich hörte, du bist oft allein, so wie ich. Ich dachte mir, dass wir zusammen nicht mehr so allein sind.“
Das rote Kehlchen schwieg eine Weile. „Das stimmt sicherlich“, meinte sie, doch irgendwie klang sie traurig.
„Was bedrückt dich?“, fragte die Aaskrähe besorgt.
Die kleine Vogeldame wandte sich ab und betrachtete eine Gruppe von Menschen. „Du wirst mich auslachen, wenn ich dir davon erzähle.“
„Gewiss nicht!“, versicherte die Krähe.
Das Rotkehlchen machte eine lange Pause, dann sagte es: „Ich wäre so gerne ein Mensch, dann könnte ich bei dem Jungen leben, den ich so mag.“
Die Aaskrähe spürte einen Stich in der Brust. Der wunderschöne Vogel wollte mit Menschen befreundet sein, nicht mit ihr.
Langsam näherte sie sich der kleineren Vogeldame. „Wenn ich dir helfen könnte, würde ich es sofort tun“, sagte sie.
„Wie nett von dir. Weißt du, es gibt einen Weg, aber der ist sehr gefährlich“, erklärte das Rotkehlchen betrübt und sah nun zur Krähe auf.
‚Was für schöne Augen es hat‘, dachte die Aaskrähe. „Was ist das für ein Weg?“
„Kennst du den Kolkraben? Er ist ein besonderer Vogel, denn er kann sich in einen Menschen verwandeln.“
Die Aaskrähe machte große Augen. So etwas hatte sie noch nie gehört.
„Er kann auch andere Vögel in Menschen verwandeln, aber ich habe Angst, ihn darum zu bitten. Die Blaumeise hat mir erzählt, dass der Kolkrabe so kleine Vögel wie mich frisst, wenn er gerade Hunger hat“, berichtete das rote Kehlchen und schauderte.
„Ich werde den Kolkraben suchen und darum bitten, dich zu verwandeln“, sagte die Krähe sofort. Sie wollte dem Rotkehlchen helfen. Angst hatte die Aaskrähe nicht.
Nachdem die kleinere Vogeldame erzählt hatte, wo der Kolkrabe lebte, machte sich die Krähe auch schon auf den Weg.
Die Nacht brach herein, als die Aaskrähe in dem Wald ankam, von dem das Rotkehlchen erzählt hatte. Hier sollte der Kolkrabe leben.
Als die Vogeldame die kahlen, toten Äste der Bäume entdeckte, wurde ihr ganz anders.
‚Was für ein fürchterlicher Ort das hier ist‘, überlegte sie sich. Als sie aber wieder an ihre Freundin mit dem roten Kehlchen dachte, vergaß sie ihre Angst und begab sich auf die Suche nach dem Kolkraben.
Die Krähe fühlte sich in dieser Gegend unwohl. An solch einem Ort wollte sie niemals leben. Seltsame Vögel flogen hier herum. Groß wie Riesen, mit Halskrausen und nacktem Kopf. Sie kreisten am Himmel und schienen nach Fressen zu suchen.
‚Hoffentlich schmecken ihnen andere Vögel nicht‘, dachte die Aaskrähe, während sie durch den kahlen Wald flog.
Irgendwann erreichte der Vogel eine einsame Holzhütte am Rande des Waldes.
‚Wer hier wohl wohnt?‘, fragte sich die Aaskrähe und setzte sich auf ein Fensterbrett.
Das Fenster war kaputt und die Vogeldame musste vorsichtig sein, da es hier etliche Scherben gab.
In dem Haus entdeckte sie einen Menschen. Er hatte schwarze, strubbelige Haare, in denen einige Spinnweben hingen. Besonders auffällig an ihm war der Mantel, den er trug. Er bestand aus unzählig vielen schwarzen Federn.
„Der Kolkrabe“, piepste die Krähe und der Mensch wurde auf sie aufmerksam. Er grinste über das ganze Gesicht, näherte sich dem Fenster und beugte sich hinaus. Seine Hände stemmte er auf das Fensterbrett, direkt auf die Scherben. Aber das schien ihm nichts auszumachen.
Die Aaskrähe schauderte, konnte sich vor lauter Angst aber nicht von der Stelle bewegen und starrte den Menschen an.
„Ein Herz voller Sehnsucht. Ich kann es fühlen. Du willst etwas von mir. Sicherlich kann ich es dir geben“, sprach der Kolkrabe in Menschengestalt.
Die Vogeldame nickte leicht. „Eine Freundin von mir hat erzählt, dass du andere Vögel in Menschen verwandeln kannst.“
„Ja, das kann ich. Du benötigst also meine Dienste?“
Der Kolkrabe fuhr sich durch das dunkle Haar, aus dem eine kleine Spinne kroch.
Der Aaskrähe wurde flau im Magen und sie wandte den Blick ab.
„Nicht ich, meine Freundin. Sie möchte so gerne ein Mensch werden“, antwortete sie.
Der Rabe lachte laut und stupste die Krähe grob an. „Warum fragt sie dann nicht selbst, das Vögelchen?“
Kurz zögerte die Vogeldame mit ihrer Antwort. „Sie hat Angst vor dir. Die Blaumeise hat ihr erzählt, dass du kleine Vögel frisst.“
Wieder lachte der Kolkrabe. „Nur bei Vollmond und wenn es regnet.“
Der Aaskrähe war dieser Geselle nicht geheuer. Sie verstand, warum die anderen Angst vor ihm hatten.
„Kannst du ihr helfen?“, wollte sie wissen.
Der Mensch nickte und grinste noch breiter. „Selbstverständlich. Aber das kostet etwas.“
„Ich werde den Preis zahlen“, antwortete die Krähe sofort. Sie wollte alles tun, damit das Rotkehlchen glücklich werden konnte. Sie wollte nicht, dass der kleine Vogel traurig sein musste.
Zufrieden lächelte der Rabe und hüllte sich in seinen Mantel ein.
„Du musst mir Federn bringen.“
„Welche Federn?“, wollte die Vogeldame wissen.
Kurz verschwand der Mensch in einem anderen Zimmer und kehrte mit einem alten Buch zurück, das er aufschlug.
„Die Feder eines unglücklichen Vogels. Eine rote Feder. Die Feder eines verliebten Vogels. Die Feder eines einsamen Vogels. Eine schwarze Feder. Die Feder eines toten Vogels“, las der Kolkrabe laut vor.
Die Aaskrähe überlegte eine Weile. „Ich bin unglücklich. Du kannst meine Feder haben“, sagte sie und streckte einen Flügel aus.
Sofort riss der Rabe eine Feder aus und betrachtete sie eingehend. „Welch Unglück dir beschert ist, kleines Vögelchen. Es wiegt so schwer, wie herrlich. Wie kommt es, dass du noch fliegen kannst, wo du doch so eine Last zu tragen hast?“
Gehässig lachte der Vogel in Menschengestalt.
Die Aaskrähe war wütend. Der Rabe machte sich lustig über sie. Nun wusste sie wirklich, warum ihn scheinbar niemand mochte. Er war böse.
„Nun such mir eine rote Feder“, forderte der Kolkrabe und legte die Feder der Krähe in sein Buch hinein. „Und beeil‘ dich. Es ist bald Vollmond und ich habe Hunger.“
Angsterfüllt und mit Wut im Bauch flog die Vogeldame davon. Hinter sich hörte sie noch das grausige Lachen des Kolkraben.
Das Rotkehlchen schauerte, als die Aaskrähe von ihrer Begegnung mit dem Kolkraben erzählte.
„Ich wäre sicherlich vor Angst gestorben“, meinte sie und sah zur größeren Vogeldame auf. „Vielen Dank, dass du zu ihm geflogen bist.“
Der Krähe wurde warm ums Herz. Sie freute sich darüber, dass sich das rote Kehlchen bei ihr bedankte. Doch noch hatte die Aaskrähe den Wunsch ihrer Freundin nicht erfüllt.
„Ich soll ihm eine rote Feder bringen“, sagte sie und das Rotkehlchen nickte.
„Nimm eine von meinen Federn.“
Die kleine Vogeldame plusterte ihr Gefieder auf und streckte die Brust heraus.
Vorsichtig zog die Aaskrähe eine der wunderschönen roten Federn heraus.
‚Hoffentlich habe ich ihr nicht weh getan‘, dachte die Krähe, sah das Rotkehlchen noch kurz an und flog dann wieder zurück zum Kolkraben.
Der Vogel in Menschengestalt nahm zufrieden lächelnd die rote Feder des Rotkehlchens entgegen.
„Gut, gut. Kleines Vögelchen, du bist fleißig“, lobte der Kolkrabe und stupste die Aaskrähe an. „Als nächstes brauche ich die Feder eines verliebten Vogels.“
Wortlos streckte die Krähe ihren Flügel aus und wandte verlegen den Blick ab.
Der Rabe lachte laut. „Wie dumm du bist. Alles willst du für sie geben, nur um dann doch festzustellen, dass Liebe nichts weiter ist als eine Illusion. Ein Traum, den Dummköpfe leben, weil sie so große Angst vor der Einsamkeit und der Wirklichkeit haben.“
Grinsend riss er der Vogeldame eine Feder aus, die er in sein Buch legte.
Die Aaskrähe wurde wieder wütend. Dieser komische Vogel musste sich nicht wundern, dass alle Angst vor ihm hatten!
„Und nun die Feder eines einsamen Vogels.“
Ein weiteres Mal streckte die Krähe ihren Flügel aus.
Gehässig lachte der Rabe und riss wieder eine der Federn aus. „Liebe muss ein schrecklicher Fluch sein“, sagte er.
Der Kolkrabe grinste die Aaskrähe an, als er nach der nächsten Feder fragte. „Eine schwarze Feder bitte.“
Kurz zögerte die Krähe, doch dann hielt sie ihrem Gegenüber erneut ihren Flügel hin. Nachdem der Vogel in Menschengestalt auch diese Feder ausgerissen hatte, lachte er schallend. „Bald bist du ein ganz nacktes Vögelchen.“
Der Vogeldame war elend zumute. Der Kolkrabe war nicht sacht mit ihr umgegangen, als er die Federn entfernt hatte und etwas traurig betrachtete sie die kahlen Stellen in ihrem Gefieder. 'Ich mache es für das Rotkehlchen', dachte sie dann aber wieder.
Der Rabe beugte sich zur Aaskrähe vor. „Zuletzt brauche ich die Feder eines toten Vogels“, sagte er leise und grinste bösartig. „Was ist damit? Bist du selbst dazu bereit, dummes Vögelchen? Oder muss ein anderer dafür dran glauben?“
Die Krähe schüttelte schnell den Kopf. „Andere werden nicht deswegen sterben“, sagte sie sofort. So etwas wollte sie niemals tun!
„Gut, gut. Aber was dann, kleines Vögelchen?“, fragte der Kolkrabe grinsend. „Ist dir diese Liebe so viel wert, dass du für sie sterben würdest?“
Die Vogeldame ließ den Kopf hängen. „Es gibt keinen, der mich vermissen würde“, sagte sie betrübt. „Was macht es für einen Unterschied, ob ich lebe oder sterbe? Das Rotkehlchen wird ein Mensch sein und dann bin ich noch immer allein. Vielleicht ist es besser, wenn ich nicht mehr da bin.“
Wieder lachte der Vogel in Menschengestalt und stupste die Krähe unsanft an. „Liebe bricht jeden Willen, wie es scheint.“
Der Kolkrabe lehnte sich zurück und sah zum Himmel. „Sieh nur, heute Nacht ist Vollmond.“
Die Aaskrähe sah zu dem Menschen auf. „Und du wirst sie tatsächlich in einen Menschen verwandeln?“, wollte sie wissen, nachdem sie sich nun mit ihrem Schicksal abgefunden hatte.
„Du hast mein Wort, kleines Vögelchen.“
Schweigend machte die Vogeldame einen Schritt nach vorne, auf den Kolkraben zu, der grinsend nach der Krähe griff und sie in seiner Hand fast zerdrückte.
„Eine schwere Last, kleines Vögelchen. Aber jetzt wirst du von ihr befreit. Du wirst von allem befreit“, sagte der Rabe und die Aaskrähe drückte ängstlich die Augen zusammen.
Ein paar Momente lang tat sich nichts, dann hörte die Aaskrähe das gehässige Lachen des Kolkrabens.
„Hast du tatsächlich geglaubt, dass ich dich jetzt fresse, mit Haut und Federn?“, fragte er vergnügt und tippte der Vogeldame grob auf den Kopf. „So gut schmecken Krähen nicht, glaub‘ mir.“
Zögerlich öffnete der Vogel wieder die Augen. „Aber... ich muss tot sein, damit das Rotkehlchen ein Mensch werden kann“, sagte sie.
Der Rabe lachte laut auf und riss der Aaskrähe erneut eine Feder aus. „Die Feder eines todesmutigen Vogels reicht hierfür auch aus.“
Überrascht sah die Krähe den anderen Vogel an und meinte sogar, für einen kurzen Moment ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
‚Vielleicht ist er doch nicht so böse, wie ich dachte‘, überlegte die Vogeldame. ‚Vielleicht hat er nur verlernt, nett zu sein, weil er immer allein ist.‘
Nun hatte die Krähe ein wenig Mitleid mit dem Kolkraben. Vielleicht konnten sie ja Freunde werden.
„Danke“, sagte die Vogeldame glücklich. „Kann das Rotkehlchen jetzt ein Mensch werden?“
Der Vogel in Menschengestalt nickte und ließ die Krähe los. „Bring‘ sie morgen früh zu mir. Dann erfülle ich ihr ihren größten Wunsch.“
Erleichtert blickte die Aaskrähe den Menschen an, bedankte sich noch mehrere Male und flog dann zurück.
Auf dem Rückweg dachte sie noch einmal über alles nach. So sehr hatte sich die Krähe gewünscht, endlich nicht mehr allein zu sein und mit dem Rotkehlchen hätte sich ihr Wunsch erfüllt. Doch sobald das rote Kehlchen ein Mensch war, würde sie nicht bei der Aaskrähe bleiben. Sie wollte lieber zu diesem Menschenjungen, den sie so mochte.
Die Vogeldame war hin und her gerissen. Sie wollte glücklich sein, aber sie wollte auch, dass das Rotkehlchen glücklich war.
Mit einem schmerzhaften Gefühl in der Brust flog sie zur Vogeltränke, wo ihre Freundin wartete.
Erschrocken betrachtete die kleinere Vogeldame das Gefieder der Aaskrähe.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte das rote Kehlchen besorgt.
Die Krähe lächelte leicht. „Ich habe dem Kolkraben meine Federn gegeben, damit er dir deinen Wunsch erfüllt“, erklärte sie.
Eine Weile schwieg das Rotkehlchen und sah zu Boden. Dann hob sie den Kopf wieder und fragte: „Warum tust du das für mich?“
„Weil ich dich gern habe.“
„Aber ich kann dir nichts geben, um mich zu bedanken.“
Die Aaskrähe sah zum Vollmond hinauf. „Du musst mir nichts geben. Es reicht mir, wenn ich weiß, dass du glücklich bist.“
Ein paar Minuten lang schwiegen die beiden Vogeldamen.
Als die Nacht immer kälter wurde, begann das Rotkehlchen zu zittern.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte sie. „Ich bin zu aufgeregt.“
„Ich bleibe mit dir wach“, versicherte die Aaskrähe und legte einen Flügel um das rote Kehlchen. Schweigend kuschelte sich der kleinere Vogel an die Krähe. So verharrten sie bis zum Morgengrauen.
Kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, machten sich die beiden Vögel auf den Weg zum Kolkraben.
Während sie durch den Wald flogen, sprachen sie nicht miteinander. Jeder hing seinen Gedanken nach.
'Vielleicht kann ich sie ab und zu besuchen', überlegte die Aaskrähe und sah immer wieder zum Rotkehlchen.
Als die beiden bei der alten Holzhütte angekommen waren, stand der Kolkrabe bereits am Fenster und grinste vor sich hin.
„Da sind ja die kleinen Vögelchen. Herzlich Willkommen“, begrüßte der Mensch seine Gäste, die vor ihm auf dem Fensterbrett landeten.
Das Rotkehlchen versteckte sich ängstlich hinter der Aaskrähe. Noch immer erinnerte es sich an die Worte der Blaumeise.
„So ein hübsches kleines Vögelchen“, sagte der Kolkrabe erfreut und betrachtete das Rotkehlchen. „Du schmeckst bestimmt gut.“
Die Krähe breitete schützend ihre Flügel aus und sah den Raben wütend an. Er sollte seiner Freundin keine Angst einjagen!
Der Vogel in Menschengestalt lachte laut. „Keine Sorge, kleines Vögelchen. Ich werde deiner Freundin nichts tun.“
Die Aaskrähe traute dem Kolkraben nicht so ganz und blieb dicht beim Rotkehlchen.
„Du hast versprochen, meiner Freundin ihren Wunsch zu erfüllen“, sagte sie.
Der Mensch nickte grinsend. „Richtig, richtig. Ich werde tun, was ich kann. Also, kleines Vögelchen. Deinen größten Wunsch soll ich dir erfüllen, ja?“
Das rote Kehlchen nickte zögerlich. „Ja, bitte.“
Der Rabe musterte die kleine Vogeldame eine ganze Weile und stupste sie dann leicht an. „Ich kann dir nicht helfen“, meinte er dann und zuckte mit den Schultern.
Die Aaskrähe flatterte empört mit den Flügeln. „Du hast es versprochen!“
Der Vogel in Menschengestalt fuhr sich durch die Haare und eine schwarze Spinne krabbelte über seine Schulter.
„Dein größter Wunsch hat sich bereits erfüllt, kleines Vögelchen. Was soll ich da noch tun?“
Die Krähe blickte das Rotkehlchen überrascht an. „Ist das wahr?“, fragte sie und der kleinere Vogel nickte nach einer Weile.
Die Aaskrähe verstand es nicht. „Aber dein größter Wunsch war es doch, ein Mensch zu werden.“
Das rote Kehlchen schüttelte den Kopf. „Nein... Mein größter Wunsch war es, nicht mehr allein zu sein und jemanden zu finden, bei dem ich mich wohlfühle und der mich beschützt. Ich dachte, nur der Menschenjunge könnte mir diesen Wunsch erfüllen“, antwortete sie.
Die Aaskrähe sah ihre Freundin fragend an. „Und jetzt denkst du das nicht mehr?“, wollte sie wissen.
Der Kolkrabe lachte laut auf und tippte ihr auf den Kopf. „Dummes Vögelchen! Du verstehst liebe Worte nicht, weil du glaubst, sie nicht verdient zu haben.“
Der Mensch schubste die beiden Vogeldamen aufeinander zu, bis sich ihre Schnäbel berührten.
Zufrieden grinste er. „Ich halte immer mein Wort. Und sogar mehr als das. Ich habe nicht nur den Wunsch deiner Freundin erfüllt, sondern auch deinen. “
Verlegen wandte sich das Rotkehlchen ab und die Aaskrähe sah sie verwundert an.
„Ich... war dein Wunsch?“, wollte sie wissen.
Die kleinere Vogeldame sah zu ihrer Freundin auf. „Ja. Wenn du bei mir bist, bin ich nicht mehr allein. Das ist alles, was ich immer wollte.“
Das Herz der Aaskrähe schlug schneller und zögerlich legte sie einen Flügel um das Rotkehlchen.
„Ich liebe dich“, sagte sie leise und schmiegte sich an ihre Freundin.
Entzückt kicherte der Kolkrabe und streichelte die beiden Vögel. „Ich habe gehört, verliebte Vögel schmecken besonders gut.“
Das Rotkehlchen zuckte erschrocken zusammen und die größere Vogeldame krähte wütend. „Das ist nicht lustig!“, sagte sie.
„Es war auch nicht lustig gemeint“, meinte der Rabe und grinste böse.
Er lachte laut, als seine beiden Gäste ängstlich davon flogen.
Als die Vogeldamen den Wald des Kolkraben verlassen hatten, setzten sie sich auf einen Ast, um sich auszuruhen.
„Wohin wollen wir nun fliegen?“, fragte das Rotkehlchen nach einer Weile und rückte näher an ihre Freundin heran.
„Wohin wir wollen“, antwortete die Aaskrähe und gemeinsam flogen sie davon.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Kommandantin Quetzal - 16. Apr, 19:18
