Kapitel 1: Das Schicksal ruft
Der Hort der Magier war einer der Orte, die nicht besser bewacht sein konnten, als sie es bereits seit hunderten von Jahren waren. Ein himmelhoher Bau, den man aufgrund seines Aussehens als den 'großen Baum' bezeichnete. Verzweigt, in jedem Stockwerk mehrfach abgeriegelt, umringt von einem breiten Wassergraben und inmitten eines Waldes, der seit jeher als Wohnort zwei mächtiger und gefährlicher Gestalten galt.
Damit war der Hort der Magier eine scheinbar uneinnehmbare Festung. Man erwartete aber keinesfalls Einbrüche, vielmehr ging es darum, diejenigen, die in diesem Gemäuer lebten, daran zu hindern, auszubrechen.
Besah man die Bewohner (oder Gefangenen) des Magierhorts, erkannte ein Unwissender zuerst nicht, warum es so wichtig war, sie einzusperren.
Keiner von ihnen war ein Verbrecher, zumindest nicht im eigentlich Sinne.
Doch ich kann euch sagen, für viele Leute im namenlosen Königreich waren die Magier Monster. Gewappnet mit einer unmenschlichen Macht und der Veranlagung, diese für eigennützige Zwecke zu verwenden. Man sagte ihnen eine angeborene Verbindung zu teuflischen Wesen nach.
Und ja, es gab Einige, die ihre Fähigkeiten für böse Machenschaften einsetzten, doch wir reden hier von einen Bruchteil der gesamten Magier.
Doch selbst diejenigen mit reinem Herzen konnten den Hort nicht verlassen. Zumindest nicht ohne guten Grund. Zu gefährlich erschien es, einen Magier frei herumlaufen zu lassen.
Man musste langwierige, teilweise lebensgefährliche Prüfungen hinter sich bringen, um die Möglichkeit zu haben, ein Leben außerhalb des großen Baumes zu führen.
Eine Ausnahme gab es nur zu Kriegszeiten. In schwierigen Situationen vertraute man dann auf die Hilfe der Magier, doch ließ man nur wenige auf das Schlachtfeld und - auch wenn es niemals jemand zugab - nur dann, wenn man sich sicher war, dass die Magier im Kampf fallen würden.
Natürlich versuchten viele rebellische Seelen diesem Gefängnis zu entfliehen, doch weit hatten es nur wenige geschafft und ein normales Leben konnten sie niemals führen. Als 'Entlaufener' gebrandmarkt, war man nun offiziell ein Verbrecher und vogelfrei.
Auch wenn es generell erwünscht war, einen ausgebrochenen Magier lebend zurückzubringen, war es in etlichen Teilen des Königreichs keine Gräueltat, einen Entlaufenen zu töten. Ich habe gehört, dass es in kleineren Gegenden sogar als Heldentat galt, dies zu tun.
Die Geschichte, die ich euch erzählen möchte, handelt von einer Magierin, die weit oben im Magierhort lebte.
Je gefährlicher man war, umso höher lag die kleine Kammer, die man sein Zuhause nennen durfte.
Die junge Frau, die wir von nun an begleiten werden, musste vor Kurzem ein Zimmer im obersten Stockwerk des großen Baumes beziehen, nachdem ihr dreiundzwanzigster Ausbruchsversuch gescheitert war. Ihr Name war Quetzal.
Ihre magischen Fähigkeiten zeigten sich recht spät. Niemand erwartete von diesem jungen Mädchen, dass in ihr eine Macht ruhte, die sie nicht zu kontrollieren wusste. Und dann war es zu spät.
Vier Menschen wurden verletzt, als sich ihre Magie das erste Mal entfaltete.
Keiner hatte damit gerechnet. In ihrer Familie hatte es noch nie einen Magier gegeben.
Auch wenn es eindeutig ein Unfall gewesen war, wurde Quetzal sofort als gefährlich eingestuft und dem wohl strengsten, doch gleichzeitig fähigsten Magier des Horts zugeteilt. Zu allem Überfluss war er auch das Oberhaupt der Magier.
Meister Eule war bereits mehrere hundert Jahre alt und wenn er etwas in all dieser Zeit gelernt hatte, dann war es die Tatsache, dass rebellierende Magier mit einem eigensinnigen Willen eine Gefahr darstellten und eine Ausbildung brauchten, die ihnen klarmachte, dass freies Denken und Handeln ein Luxus war, den sich ein potenzieller Entlaufener nicht leisten konnte.
Doch in Quetzal hatte er eine Gegnerin gefunden, die nicht so schnell nachgab.
Ignorant und selbstsicher ließ sie sich nie von ihrem Weg abbringen und verstand es, (ihrer Meinung nach) stumpfsinnige Regeln zu missachten.
Bereits nach kürzester Zeit war sie die bekannteste Magiern des Horts und Meister Eule war alles andere als erfreut darüber, dass die Rebellin Sympathisanten hatte, die ihr bei Ausbruchsversuchen halfen.
Letztendlich war es immer Meister Eule gewesen, der die Entlaufende zurück in den Hort brachte. Er kannte sie bereits zu gut und verstand (zumindest teilweise), was im Kopf der Magierin vor sich ging.
Ich habe Gerüchte gehört, dass die Versuche von Quetzal, dem Hort zu entkommen, nach kurzer Zeit nur noch Machtspiele zwischen ihr und ihrem Lehrer waren, denn nie benutzten sie ihre magischen Kräfte gegeneinander. Beinahe so, als hatten sie niemals vor, dem anderen wirkliches Leid zuzufügen. Beinahe so, als hätten sie sich insgeheim gern.
Doch vielleicht ist das auch nur Gerede. Ihr wisst ja, wie das mit Gerüchten ist.
Quetzal hatte trotz eines weiteren missglückten Ausbruchsversuches und dem daraus resultierten Umzugs noch nicht aufgegeben und arbeitete bereits an einem weiteren Plan, um dem Hort endlich zu entfliehen.
Ihr Unterricht für den heutigen Tag war bereits beendet und wie immer war es eine reine Zeitverschwendung gewesen. Sie konnte, ganz gleich was sie tat, ihre magischen Fähigkeiten nicht richtig kontrollieren und nach ihren Wünschen einsetzen. Doch ihr werdet sehen, dass es nur die richtige Motivation braucht, um ihr das zu ermöglichen.
Über ein halb zerknülltes, unsauber beschriebenes Platt Papier hing sie und durchdachte ihre Möglichkeiten.
Wie sie nach kurzer Zeit feststellte, waren das nicht mehr allzu viele.
Ich kann euch versichern, dass sie nicht aufgeben wollte, aber wäre an diesem Tag nicht ein Unbekannter aufgetaucht, wären ihr wohl allmählich die Ideen ausgegangen.
Doch das Schicksal wollte, dass sich etwas veränderte.
Ein Kolkrabe hatte den langen Weg bis zum obersten Stockwerk auf sich genommen, um sich auf das Fensterbrett vor Quetzals Fenster zu setzen.
Mit dunklen, wachsamen Augen beobachtete er die Magierin.
Sie murmelte Unverständliches, fuhr sich verzweifelt durch die braunen Haare und warf Unmengen von Papier auf den Boden.
»Ihr scheint Hilfe bei Eurer Flucht zu brauchen, Fräulein Quetzal.«
Zuerst rührte sich die Angesprochene nicht, denn sie war der Überzeugung, sich diese fremde Stimme nur eingebildet zu haben.
Als sie aber erneut zu hören war, drehte Quetzal ihren Kopf zum Fenster.
»Vielleicht kann ich Euch behilflich sein.«
Die Magierin runzelte die Stirn. »Ein sprechender Rabe? Wie komme ich zu der Ehre?«
Der Vogel lachte. »Das Schicksal ruft nach Euch.«
»Was soll das heißen?«
»Wir haben jetzt keine Zeit. Wir werden das an einem anderen Ort klären.«
»Wo denn? Meine Möglichkeiten sind sehr eingeschränkt.«
Der Rabe nickte und verwandelte sich einen Augenblick später in einen großgewachsenen Mann, der scheinbar zum Teil Elfenblut in sich trug.
Seine pechschwarzen Haare reichten bis zum spitzen Kinn und standen wirr in alle Richtungen ab. Quetzal meinte sogar, Spinnennetze darin zu erkennen.
Die finsteren, dunkelroten Augen lagen in einem kantigen Gesicht mit hohen Wangenknochen.
Seine bleiche Haut betonte die ausgeprägten Augenringe, die davon zeugten, dass der Mann Schlaf eher für zweitrangig hielt.
Der Fremde sprang vom Fensterbrett und sein langer Mantel verlor einige der Federn, mit denen das Kleidungsstück vollständig übersät war.
»Ich bringe Euch in die Hauptstadt. Dort können wir reden«, erklärte er, während eine dicke Spinne aus seinen Haaren kroch und sich auf seiner Schulter niederließ.
»Meister Eule wird etwas dagegen haben.«
Der Mann begann erneut zu lachen und grinste breit.
»Wen interessiert schon, was Meister Eule davon hält? Seine Meinung zählt hier absolut nicht. Eure übrigens auch nicht.«
Er ging auf die Magierin zu, die allerdings keinen Schritt zurückwich.
»Wie es scheint«, sagte der Unbekannte. »habt Ihr keine Angst vor mir.«
Quetzal zuckte mit den Schultern. »Ihr wollt mir ja auch nichts antun, oder? Ihr bietet mir Eure Hilfe an.«
»Kluges Vögelchen. Nun gut, dann wollen wir mal.«
Er ging zum Fenster und winkte jemanden heran.
Die junge Frau traute ihren Augen nicht, als ein schneeweißes Einhorn mit wehender Mähne und langen Schwingen am Fenster zu sehen war.
»Ein kleines Geschenk. Eurem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheint es Euch zu gefallen.«
Die Magierin war nur zu einem Nicken fähig und ging näher an das Fenster heran, um das Tier zu betrachten.
»Es ist wunderschön«, sagte sie, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
»Vielen Dank«, antwortete das Einhorn höflich.
Mit großen Augen strich Quetzal dem Tier über den Kopf. »Es... Ich meine, 'Ihr' könnt sprechen!«
Der Fremde blickte zur Tür.
»Los, steigt auf. Meister Eule wird gleich hier sein. Er hat gesehen, dass ich zu Euch geflogen bin.«
Die Magierin fühlte sich überrumpelt.
»Moment mal! Warum helft Ihr mir überhaupt?«
»Weil Ihr uns dafür einen Gefallen tun werdet.«
»Wer ist 'uns' und was für ein Gefallen ist das denn?«
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Auf das Einhorn, Fräulein Quetzal.«
Kurz zögerte sie, dann stieg Quetzal wie gefordert auf das Einhorn.
»Ihr kennt zwar meinen Namen, aber Euren weiß ich noch gar nicht«, bemerkte sie, als sie auf dem Tier saß.
Der Mann drehte sich zu ihr um.
»Morpheus. Wir treffen uns im Dorf vor der Hauptstadt. Sucht das Haus mit der Nummer 3. Dort trefft Ihr meine Schwester Morgana. Ich werde in Kürze wieder bei Euch sein.«
Die Magierin nickte und das Einhorn setzte sich in Bewegung.
Von Weitem rief sie noch ein »Danke«, das nur noch schwer zu hören war.
Nur wenige Augenblicke später stürmte Meister Eule in das Zimmer, fand jedoch nur noch Morpheus vor, der grinsend auf dem Fensterbrett saß.
»Bei den Göttern! Was geht hier vor, Morpheus? Wo ist die Magierin?«, fragte der Elf, der vollkommen außer Atem war.
»Klopft man nicht normalerweise an, bevor man ein fremdes Zimmer betritt?«
»Antwortet mir!«, forderte Meister Eule.
»Möchtet Ihr euch nicht erst einmal hinsetzen? Ihr scheint am Ende Eurer Kräfte zu sein.«
»Morpheus!«
»Sie ist nun außerhalb Eurer Reichweite. Das Schicksal will es so«, antwortete er endlich.
Aufgebracht ging der Magierlehrer auf den anderen zu und wollte ihn scheinbar am Kragen packen und aus dem Fenster werfen, aber er wagte es nicht, Morpheus zu berühren.
»Ich werde sie finden. Darauf könnt Ihr Euch verlassen«, versprach Meister Eule, doch sein Gegenüber zeigte sich wenig beeindruckt.
»Sie fliegt zum Dorf vor der Hauptstadt. Haus Nummer 3. Ich hoffe, das erspart Euch eine langwierige Suche«, sagte Morpheus und stieg auf das Fensterbrett.
»Dreht mir ja nicht den Rücken zu und lasst mich hier stehen, Morpheus!«
Der Angesprochene lachte. »Oder was?«
Darauf wusste Meister Eule keine Antwort und konnte nur zusehen, wie der andere seine Vogelgestalt annahm und davon flog.
Damit war der Hort der Magier eine scheinbar uneinnehmbare Festung. Man erwartete aber keinesfalls Einbrüche, vielmehr ging es darum, diejenigen, die in diesem Gemäuer lebten, daran zu hindern, auszubrechen.
Besah man die Bewohner (oder Gefangenen) des Magierhorts, erkannte ein Unwissender zuerst nicht, warum es so wichtig war, sie einzusperren.
Keiner von ihnen war ein Verbrecher, zumindest nicht im eigentlich Sinne.
Doch ich kann euch sagen, für viele Leute im namenlosen Königreich waren die Magier Monster. Gewappnet mit einer unmenschlichen Macht und der Veranlagung, diese für eigennützige Zwecke zu verwenden. Man sagte ihnen eine angeborene Verbindung zu teuflischen Wesen nach.
Und ja, es gab Einige, die ihre Fähigkeiten für böse Machenschaften einsetzten, doch wir reden hier von einen Bruchteil der gesamten Magier.
Doch selbst diejenigen mit reinem Herzen konnten den Hort nicht verlassen. Zumindest nicht ohne guten Grund. Zu gefährlich erschien es, einen Magier frei herumlaufen zu lassen.
Man musste langwierige, teilweise lebensgefährliche Prüfungen hinter sich bringen, um die Möglichkeit zu haben, ein Leben außerhalb des großen Baumes zu führen.
Eine Ausnahme gab es nur zu Kriegszeiten. In schwierigen Situationen vertraute man dann auf die Hilfe der Magier, doch ließ man nur wenige auf das Schlachtfeld und - auch wenn es niemals jemand zugab - nur dann, wenn man sich sicher war, dass die Magier im Kampf fallen würden.
Natürlich versuchten viele rebellische Seelen diesem Gefängnis zu entfliehen, doch weit hatten es nur wenige geschafft und ein normales Leben konnten sie niemals führen. Als 'Entlaufener' gebrandmarkt, war man nun offiziell ein Verbrecher und vogelfrei.
Auch wenn es generell erwünscht war, einen ausgebrochenen Magier lebend zurückzubringen, war es in etlichen Teilen des Königreichs keine Gräueltat, einen Entlaufenen zu töten. Ich habe gehört, dass es in kleineren Gegenden sogar als Heldentat galt, dies zu tun.
Die Geschichte, die ich euch erzählen möchte, handelt von einer Magierin, die weit oben im Magierhort lebte.
Je gefährlicher man war, umso höher lag die kleine Kammer, die man sein Zuhause nennen durfte.
Die junge Frau, die wir von nun an begleiten werden, musste vor Kurzem ein Zimmer im obersten Stockwerk des großen Baumes beziehen, nachdem ihr dreiundzwanzigster Ausbruchsversuch gescheitert war. Ihr Name war Quetzal.
Ihre magischen Fähigkeiten zeigten sich recht spät. Niemand erwartete von diesem jungen Mädchen, dass in ihr eine Macht ruhte, die sie nicht zu kontrollieren wusste. Und dann war es zu spät.
Vier Menschen wurden verletzt, als sich ihre Magie das erste Mal entfaltete.
Keiner hatte damit gerechnet. In ihrer Familie hatte es noch nie einen Magier gegeben.
Auch wenn es eindeutig ein Unfall gewesen war, wurde Quetzal sofort als gefährlich eingestuft und dem wohl strengsten, doch gleichzeitig fähigsten Magier des Horts zugeteilt. Zu allem Überfluss war er auch das Oberhaupt der Magier.
Meister Eule war bereits mehrere hundert Jahre alt und wenn er etwas in all dieser Zeit gelernt hatte, dann war es die Tatsache, dass rebellierende Magier mit einem eigensinnigen Willen eine Gefahr darstellten und eine Ausbildung brauchten, die ihnen klarmachte, dass freies Denken und Handeln ein Luxus war, den sich ein potenzieller Entlaufener nicht leisten konnte.
Doch in Quetzal hatte er eine Gegnerin gefunden, die nicht so schnell nachgab.
Ignorant und selbstsicher ließ sie sich nie von ihrem Weg abbringen und verstand es, (ihrer Meinung nach) stumpfsinnige Regeln zu missachten.
Bereits nach kürzester Zeit war sie die bekannteste Magiern des Horts und Meister Eule war alles andere als erfreut darüber, dass die Rebellin Sympathisanten hatte, die ihr bei Ausbruchsversuchen halfen.
Letztendlich war es immer Meister Eule gewesen, der die Entlaufende zurück in den Hort brachte. Er kannte sie bereits zu gut und verstand (zumindest teilweise), was im Kopf der Magierin vor sich ging.
Ich habe Gerüchte gehört, dass die Versuche von Quetzal, dem Hort zu entkommen, nach kurzer Zeit nur noch Machtspiele zwischen ihr und ihrem Lehrer waren, denn nie benutzten sie ihre magischen Kräfte gegeneinander. Beinahe so, als hatten sie niemals vor, dem anderen wirkliches Leid zuzufügen. Beinahe so, als hätten sie sich insgeheim gern.
Doch vielleicht ist das auch nur Gerede. Ihr wisst ja, wie das mit Gerüchten ist.
Quetzal hatte trotz eines weiteren missglückten Ausbruchsversuches und dem daraus resultierten Umzugs noch nicht aufgegeben und arbeitete bereits an einem weiteren Plan, um dem Hort endlich zu entfliehen.
Ihr Unterricht für den heutigen Tag war bereits beendet und wie immer war es eine reine Zeitverschwendung gewesen. Sie konnte, ganz gleich was sie tat, ihre magischen Fähigkeiten nicht richtig kontrollieren und nach ihren Wünschen einsetzen. Doch ihr werdet sehen, dass es nur die richtige Motivation braucht, um ihr das zu ermöglichen.
Über ein halb zerknülltes, unsauber beschriebenes Platt Papier hing sie und durchdachte ihre Möglichkeiten.
Wie sie nach kurzer Zeit feststellte, waren das nicht mehr allzu viele.
Ich kann euch versichern, dass sie nicht aufgeben wollte, aber wäre an diesem Tag nicht ein Unbekannter aufgetaucht, wären ihr wohl allmählich die Ideen ausgegangen.
Doch das Schicksal wollte, dass sich etwas veränderte.
Ein Kolkrabe hatte den langen Weg bis zum obersten Stockwerk auf sich genommen, um sich auf das Fensterbrett vor Quetzals Fenster zu setzen.
Mit dunklen, wachsamen Augen beobachtete er die Magierin.
Sie murmelte Unverständliches, fuhr sich verzweifelt durch die braunen Haare und warf Unmengen von Papier auf den Boden.
»Ihr scheint Hilfe bei Eurer Flucht zu brauchen, Fräulein Quetzal.«
Zuerst rührte sich die Angesprochene nicht, denn sie war der Überzeugung, sich diese fremde Stimme nur eingebildet zu haben.
Als sie aber erneut zu hören war, drehte Quetzal ihren Kopf zum Fenster.
»Vielleicht kann ich Euch behilflich sein.«
Die Magierin runzelte die Stirn. »Ein sprechender Rabe? Wie komme ich zu der Ehre?«
Der Vogel lachte. »Das Schicksal ruft nach Euch.«
»Was soll das heißen?«
»Wir haben jetzt keine Zeit. Wir werden das an einem anderen Ort klären.«
»Wo denn? Meine Möglichkeiten sind sehr eingeschränkt.«
Der Rabe nickte und verwandelte sich einen Augenblick später in einen großgewachsenen Mann, der scheinbar zum Teil Elfenblut in sich trug.
Seine pechschwarzen Haare reichten bis zum spitzen Kinn und standen wirr in alle Richtungen ab. Quetzal meinte sogar, Spinnennetze darin zu erkennen.
Die finsteren, dunkelroten Augen lagen in einem kantigen Gesicht mit hohen Wangenknochen.
Seine bleiche Haut betonte die ausgeprägten Augenringe, die davon zeugten, dass der Mann Schlaf eher für zweitrangig hielt.
Der Fremde sprang vom Fensterbrett und sein langer Mantel verlor einige der Federn, mit denen das Kleidungsstück vollständig übersät war.
»Ich bringe Euch in die Hauptstadt. Dort können wir reden«, erklärte er, während eine dicke Spinne aus seinen Haaren kroch und sich auf seiner Schulter niederließ.
»Meister Eule wird etwas dagegen haben.«
Der Mann begann erneut zu lachen und grinste breit.
»Wen interessiert schon, was Meister Eule davon hält? Seine Meinung zählt hier absolut nicht. Eure übrigens auch nicht.«
Er ging auf die Magierin zu, die allerdings keinen Schritt zurückwich.
»Wie es scheint«, sagte der Unbekannte. »habt Ihr keine Angst vor mir.«
Quetzal zuckte mit den Schultern. »Ihr wollt mir ja auch nichts antun, oder? Ihr bietet mir Eure Hilfe an.«
»Kluges Vögelchen. Nun gut, dann wollen wir mal.«
Er ging zum Fenster und winkte jemanden heran.
Die junge Frau traute ihren Augen nicht, als ein schneeweißes Einhorn mit wehender Mähne und langen Schwingen am Fenster zu sehen war.
»Ein kleines Geschenk. Eurem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheint es Euch zu gefallen.«
Die Magierin war nur zu einem Nicken fähig und ging näher an das Fenster heran, um das Tier zu betrachten.
»Es ist wunderschön«, sagte sie, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
»Vielen Dank«, antwortete das Einhorn höflich.
Mit großen Augen strich Quetzal dem Tier über den Kopf. »Es... Ich meine, 'Ihr' könnt sprechen!«
Der Fremde blickte zur Tür.
»Los, steigt auf. Meister Eule wird gleich hier sein. Er hat gesehen, dass ich zu Euch geflogen bin.«
Die Magierin fühlte sich überrumpelt.
»Moment mal! Warum helft Ihr mir überhaupt?«
»Weil Ihr uns dafür einen Gefallen tun werdet.«
»Wer ist 'uns' und was für ein Gefallen ist das denn?«
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Auf das Einhorn, Fräulein Quetzal.«
Kurz zögerte sie, dann stieg Quetzal wie gefordert auf das Einhorn.
»Ihr kennt zwar meinen Namen, aber Euren weiß ich noch gar nicht«, bemerkte sie, als sie auf dem Tier saß.
Der Mann drehte sich zu ihr um.
»Morpheus. Wir treffen uns im Dorf vor der Hauptstadt. Sucht das Haus mit der Nummer 3. Dort trefft Ihr meine Schwester Morgana. Ich werde in Kürze wieder bei Euch sein.«
Die Magierin nickte und das Einhorn setzte sich in Bewegung.
Von Weitem rief sie noch ein »Danke«, das nur noch schwer zu hören war.
Nur wenige Augenblicke später stürmte Meister Eule in das Zimmer, fand jedoch nur noch Morpheus vor, der grinsend auf dem Fensterbrett saß.
»Bei den Göttern! Was geht hier vor, Morpheus? Wo ist die Magierin?«, fragte der Elf, der vollkommen außer Atem war.
»Klopft man nicht normalerweise an, bevor man ein fremdes Zimmer betritt?«
»Antwortet mir!«, forderte Meister Eule.
»Möchtet Ihr euch nicht erst einmal hinsetzen? Ihr scheint am Ende Eurer Kräfte zu sein.«
»Morpheus!«
»Sie ist nun außerhalb Eurer Reichweite. Das Schicksal will es so«, antwortete er endlich.
Aufgebracht ging der Magierlehrer auf den anderen zu und wollte ihn scheinbar am Kragen packen und aus dem Fenster werfen, aber er wagte es nicht, Morpheus zu berühren.
»Ich werde sie finden. Darauf könnt Ihr Euch verlassen«, versprach Meister Eule, doch sein Gegenüber zeigte sich wenig beeindruckt.
»Sie fliegt zum Dorf vor der Hauptstadt. Haus Nummer 3. Ich hoffe, das erspart Euch eine langwierige Suche«, sagte Morpheus und stieg auf das Fensterbrett.
»Dreht mir ja nicht den Rücken zu und lasst mich hier stehen, Morpheus!«
Der Angesprochene lachte. »Oder was?«
Darauf wusste Meister Eule keine Antwort und konnte nur zusehen, wie der andere seine Vogelgestalt annahm und davon flog.
Kommandantin Quetzal - 21. Apr, 20:56
