16
Apr
2013

Alte Erzählung: Der Drache

- eine alte Erzählung zu Zeiten von Prinzessin Rotkehlchen -

„Was meinst du? Was könnte da drin sein?“
Neugierig beugte ich mich über das riesige Ei, das ich gerade gefunden hatte. Das musste ein wirklich großer Vogel gelegt haben.
„Vielleicht ein Melonenspucker“, meinte Apfelkuchen und ich nickte leicht.
„Da könntest du recht haben. Das wäre wirklich großartig. Wir haben ja nur noch wenige davon.“
Vorsichtig versuchte ich das Ei anzuheben, doch es war viel zu schwer. So ging das nicht.
Ich wandte mich an mein Einhorn. „Apfelkuchen, hol' bitte Gänseblümchen. Das ist eindeutig ein Job für ihn.“
Mein Pferd nickte und schwang sich sofort in die Lüfte. Eine Weile sah ich ihm nach, dann betrachtete ich wieder das Ei.
„Vielleicht ist da ein Ogerbaby drin! Brüte es lieber nicht aus!“, wimmerte ein Kopf von Himbeertorte.
„Es könnte auch ein Pony sein. Lass es schlüpfen!“, meldete sich der zweite.
„Wenn es ein Elefant ist, will ich sein Freund sein!“, rief der dritte.
Ich runzelte die Stirn und blickte zu meinem Pony auf. „Nichts davon schlüpft aus einem Ei, Himbeertorte. Es muss ein Vogel sein.“
Nachdenklich setzte ich mich ins Zitronengras und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was es auch ist: Es scheint ein großes Tier zu sein.“
Ich lächelte leicht, als ich Gänseblümchens Gestampfe hörte.
Freudig winkte ich dem Oger, der kurze Zeit später neben mir stand.
„Hallo, Kommandantin. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, sagte er und schnappte nach Luft. „Das ist das Ei?“
Ich nickte und stand wieder auf. „Ja, ein ziemlicher Brocken, was?“
Der Oger umkreiste das Ei ein paar Mal und sagte dann: „Und was ist da drin?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das wüsste ich auch gerne. Ich würde sagen, wir bringen es zur Prinzessin. Sie weiß vielleicht, was es ist.“
 
Im Schloss angekommen, brachten wir das Ei sofort zu Prinzessin Rotkehlchen, die gerade im Audienzsaal saß und sich die Bitten der Bürger anhörte. Als der letzte von ihnen den Saal verließ, verbeugte ich mich vor der Prinzessin.
„Euer Majestät, ich habe im Zitronenwald ein Ei gefunden. Leider kann ich nicht sagen, was daraus schlüpfen wird. Wisst Ihr vielleicht mehr?“
Gänseblümchen legte das Ei vor dem Thron ab und unsere Herrscherin stand auf, um es eingehend zu betrachten.
„Ich habe noch nie ein Ei in dieser Größe gesehen. Könnte es vielleicht ein Bambusspringer sein?“, überlegte die Prinzessin laut und berührte das Ei. Dieses begann kurz darauf zu wackeln und bekam einen Riss.
Erschrocken wich Rotkehlchen zurück. „Es schlüpft.“
Aufmerksam beobachtete ich das Geschehen. Hoffentlich war in dem Ei nichts Gefährliches. Vorsichtshalber stellte ich mich vor die Prinzessin, um sie im Ernstfall schützen zu können.
Es dauerte eine Weile, dann streckte das Wesen seinen Kopf aus dem Ei.
Ich verengte die Augen und griff nach meinem Zauberstab. „Ein Drache.“
Die Prinzessin klatschte begeistert in die Hände und schob mich zur Seite. „Ein Drachenbaby! Wie wundervoll. Seht nur, es ist ein Rotkehlendrache. So einen wollte ich schon immer mal sehen.“
Glücklich umarmte Rotkehlchen das Baby, das einen vergnügten Laut von sich gab.
„A-aber Prinzessin… Das ist ein Drache. Er könnte gefährlich sein. Und ein Rotkehlendrache kann schon in jungen Jahren Feuer speien… Nicht zu vergessen, dass sie ausgesprochen scharfe Zähne haben. Und vielleicht kommt seine Mutter irgendwann…“, zählte ich meine Gedanken zu diesem Tier auf, doch natürlich hörte mir unsere Herrscherin nicht zu. Sie war einfach zu begeistert von dem Drachen.
„Ich werde ihn behalten“, verkündete Rotkehlchen und streichelte das Tier.
Pah, der sollte es sich nur nicht zu gemütlich im Schoß der Prinzessin machen! Da blieb er gewiss nicht lange! Das war mein Platz!
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete das Wesen argwöhnisch. Der brauchte nur nicht glauben, dass ich auf seine großen Kulleraugen hereinfiel. Nicht mit mir, nein!
„Mama“, brabbelte das Drachenbaby und leckte der Prinzessin das Gesicht ab. Widerlich, wie sich der einschleimte.
„Er hält mich für seine Mama. Ist das nicht niedlich?“
„Ja, großartig…“, stimmte ich wenig begeistert zu.
Gänseblümchen kicherte. „Quetzal ist eifersüchtig.“
Ich zog einen Schmollmund. „Das habe ich doch nicht nötig.“
Der Oger kniff mir in die Wange. „Ja, das sollte man meinen.“
Tse, ich und eifersüchtig! Auf einen Drachen! Ganz bestimmt nicht.
Prinzessin Rotkehlchen lachte leise und griff nach meiner Hand. „Zieht bitte nicht so ein Gesicht, Quetzal. Ihr wisst, dass Ihr für mich das Allerwichtigste seid. Auch wenn ich sagen muss, dass Euch diese Eifersucht ganz gut zu Gesicht steht.“
Ich wurde rot und blickte zur Seite. „… Vielen Dank, euer Majestät“, murmelte ich.
„Seid bitte nicht beleidigt. Ich hoffe, ich kann Euch mit einem kleinen Geschenk wieder etwas aufheitern.“
Ich sah wieder zur Prinzessin. „Ein Geschenk?“
Sie nickte lächelnd und drückte mir einen kleinen Karton in die Hand. „Eine neue Uniform, Frau Kommandantin der Heldentruppe.“
Überrascht öffnete ich das Paket und betrachtete die Kleidung. „Das ist wunderschön“, sagte ich und lächelte leicht.
„Ab morgen wird dies Eure Dienstkleidung sein, Frau Kommandantin. Probiert sie am besten noch heute an.“
Ich salutierte schmunzelnd. „Jawohl, Euer Majestät.“
Glücklich presste ich den Karton mit der Uniform an mich, verbeugte mich vor der Prinzessin und ging dann zur Tür. „Ich werde mich nun wieder an die Arbeit machen. Auf Wiedersehen, Prinzessin Rotkehlchen.“
„Auf Wiedersehen, Fräulein Quetzal.“
Gänseblümchen winkte der Prinzessin noch kurz und folgte mir dann nach draußen.
„Sie hat Euch gut unter Kontrolle“, meinte der Oger, als wir das Schloss verlassen hatten.
„Wie meint Ihr das?“, wollte ich wissen und strich über die wunderschöne Uniform.
„Ihr habt die Sache mit dem Drachenbaby vollkommen vergessen.“
Ich blieb abrupt stehen. „Beim Erbauer, der Drache!“
Seufzend ließ ich die Schultern hängen. „Sie hat mich reingelegt…“
Gänseblümchen kicherte wieder. „Sie ist einfach zu klug für Euch, Frau Kommandantin.“
Ich lachte leise. „Ja, das ist sie.“
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