16
Apr
2013

Erzählung: Herr Habichtfalke

„Es ist ausgesprochen ruhig, wenn man bedenkt, dass hier eine Bande von Räubern wüten sollte“, bemerkte ich und sah mich in dem kleinen Dorf um, von dem wir vor etwa eine Stunde einen Hilferuf erhalten hatten.
„Sicher, dass wir im richtigen Dorf sind?“, wollte Herr Prachtstaffelschwanz wissen.
Ich nickte. „Ganz sicher.“
Fräulein Nachtigall stieg von ihrem Einhorn. „Vielleicht sind sie bereits weitergezogen. Sicherlich haben sie damit gerechnet, dass wir hierher kommen.“
Das konnte gut möglich sein. Wie bedauerlich! Eine Heldentat hätte mir heute gut getan.
Nachdem wir auch nach mehr als fünf Minuten keine Räuber gefunden hatten, klopfte ich an eine Haustür.
„Guten Tag. Lebt Ihr in Angst und Schrecken?“, fragte ich, als ein Dorfbewohner die Tür geöffnet hatte.
Er wirkte etwas irritiert. „Nein, nicht wirklich, Fräulein.“
„Aber wir haben einen Hilferuf erhalten. Waren hier keine Räuber unterwegs?“, fragte ich und zeigte ihm den Brief, der per Luftpost bei uns angekommen war.
Der Mann überflog den Zettel kurz. „Ach, die sind schon wieder weg. Die Kopfgeldjäger haben sie bereits festgenommen.“
Ich verengte die Augen. Das konnten nur diese zwei Grazien gewesen sein, die uns schon so oft die Arbeit gestohlen hatten!
„Waren es zwei Frauen? Eine mit braunen, die andere mit blauen Haaren?“
Der Dorfbewohner nickte. „Ja und dann war da noch ein Mann mit Mütze.“
Ich runzelte die Stirn. Seit wann waren die denn zu dritt? Das wurde ja immer besser mit denen!
„Vielen Dank für die Auskunft. Habt noch einen schönen Tag.“
Gerade wollte ich mich umdrehen und gehen, als der Mann mich aufhielt.
„Moment, Ihr seid die Kommandantin der Heldentruppe, nicht wahr? Ich soll Euch von den Kopfgeldjägern diese Nachricht geben.“
Verwundert nahm ich den Umschlag entgegen, bedanke mich und ging.

„Was steht in dem Brief?“, wollte Herr Prachtstaffelschwanz wissen und blickte über meine Schulter, während ich den Umschlag öffnete.
Als ich die kurze Nachricht gelesen hatte, ballte ich verärgert die Hände zu Fäusten.
„Diese dreisten Diebe! Die haben uns verarscht!“, knurrte ich und gab den Zettel an Fräulein Nachtigall weiter, die ihn laut vorlas.
„Wieder mal zu spät, ihr Aushilfshelden. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.“
Das ließ ich gewiss nicht auf mir sitzen! Ich war ein Held, ein echter Held!
„Auf der Rückseite ist eine Karte mit einer Markierung. 'Unser Geheimversteck' steht da... Das ist gewiss ein Witz“, sagte Nachtigall.
„Oder eine Falle“, fügte Prachtstaffelschwanz hinzu und sah sich die Karte an. „Glauben die wirklich, dass wir darauf hereinfallen und dorthin reisen?“
„Wir werden dorthin reisen!“, verkündete ich und stieg auf Apfelkuchen. „So leicht kommen die mir nicht davon! Es geht hier um die Ehre der Heldentruppe!“
Fräulein Nachtigall runzelte die Stirn. „Haltet Ihr das wirklich für eine gute Idee, Kommandantin? Sie wollen doch, dass wir zu ihnen kommen.“
„Dann geben wir ihnen, was sie wollen“, beharrte ich weiterhin auf meinen Plan.
Ich ließ mir doch nicht auf der Nase herum tanzen!

„Großartiges Versteck“, murmelte ich und betrachtete angeekelt die Totenschädel und Spinnweben, die die Höhle zierten, in der wir nun gelandet waren. Die Kopfgeldjäger lebten doch nicht wirklich hier, oder?
Langsam glaubte ich auch, dass alles nur ein Witz oder gar eine Falle war...
„Ich habe wirklich kein gutes Gefühl bei der Sache, Kommandantin.“
Ich drehte mich zu Fräulein Nachtigall um. „Wird schon schief gehen“, sagte ich lächelnd und machte einen weiteren Schritt nach vorne.
Einen kurzen Augenblick später gab der Boden unter mir nach und ich stürzte nach unten.
„Ich hatte nicht erwartet, dass das wirklich schief geht“, murmelte ich und richtete mich mühsam auf.
„Alles in Ordnung bei Euch?“, hörte ich Herr Prachtstaffelschwanz von oben rufen.
Ich blickte nach oben. Ich war ganz schön tief gefallen, wie es aussah.
„Ja, alles in Ordnung. Ich hab' wohl den Geheimweg gefunden, wie es aussieht. Ich würde vorschlagen, Ihr geht den normalen Weg weiter und haltet Ausschau nach den Kopfgeldjägern. Ich kümmere mich um die untere Etage. Vermutlich ist hier alles miteinander verbunden und wir treffen bald wieder aufeinander“, meinte ich und sah mich kurz um.
Nach oben kam ich erstmal nicht, also blieb mir ohnehin nichts anderes übrig, als einen anderen Weg zu suchen.
Fräulein Nachtigall beugte sich über das Loch, durch das ich gefallen war.
„Seid Ihr Euch sicher? Dieser Ort scheint nicht ungefährlich zu sein, Kommandantin“, rief sie zu mir nach unten.
„Ihr kommt hier sowieso nicht heil herunter. Ich bin zum Glück auf diesem Wolkenpilz gelandet, aber der ist jetzt hinüber. Ihr würdet Euch alle Knochen brechen, wenn Ihr hier herunter springt.“
Nachtigall seufzte. „In Ordnung, wir suchen einen anderen Weg. Passt auf Euch auf.“
Ich nickte lächelnd und folgte dann dem einzigen Weg, den ich gehen konnte.
Hier sah es sogar noch schlimmer aus, als beim Eingang. Mich beschlich das ungute Gefühl, das hier etwas lebte, das ich nicht unbedingt kennenlernen wollte. Etwas, das große Tiere fraß.
Zumindest sprachen die Knochen und Überreste für sich. Außerdem stank es hier fürchterlich nach Tod.
Am Ende des schmalen Ganges, den ich nun für ein paar Minuten gegangen war, wurde es heller und ein großer, hoher Raum lag vor mir.
Ich konnte so etwas wie ein Nachtlager erkennen und Kisten und Beutel voller Goldmünzen waren hier aufgetürmt.
„Ein Diebesversteck?“, dachte ich laut und hörte plötzlich ein Knurren und laute Fußschritte.
Ich kannte diese Geräusche nur zu gut. Das konnte nur eines bedeuten: Hier war ein Oger.
Mein Verdacht bestätigte sich schon kurze Zeit später, als eine riesige Gestalt mit einer Axt auf mich zugestürmt kam.
Ich konnte seinem Angriff gerade noch ausweichen, indem ich zur Seite sprang.
„Das ist einfach nicht mein Tag“, jammerte ich und richtete mich schnell auf.
Der Oger schien von meinem unangekündigten Besuch nicht sonderlich erfreut zu sein, nahm einen riesigen Felsbrocken und versperrte damit meinen einzigen Fluchtweg.
„Das ist wirklich nicht mein Tag...“
Na gut, hier konnte mir wohl nur noch ein Kampf helfen!
Bewaffnet mit meinem Zauberstab griff ich den Oger an, der von meinen Angriff nicht unbedingt beeindruckt war.
„Könntet Ihr nicht wenigstens so tun, als würde Euch das weh tun?“, fragte ich genervt und wich seiner Axt aus, mit der er abermals nach mir schlug.
Alles klar, er reagierte auf die Schläge meines mit Magie umgebenen Zauberstabs eher gelangweilt. Also musste ich hier etwas härtere Methoden anwenden!
Fräulein Nachtigall hatte mir beigebracht, wie man Feuerbälle und Eisbrocken zaubern konnte. Das würde ich jetzt einfach probieren und diesen Oger ins Land der Träume schicken!
„Feuer!“, rief ich und richtete meine Waffe auf den Oger.
Nichts passierte.
Bei Nachtigall sah das so leicht aus! Das musste doch funktionieren!
„Feuer!“

„Eis?“
Verzweifelt fuchtelte ich mit meinem Zauberstab herum, aber es passierte einfach nichts.
Der Oger war nicht wirklich eingeschüchtert von mir und griff erneut an.
Dieser Attacke konnte ich nur entgehen, indem ich mich nach hinten fallen ließ und schmerzhaft auf dem Boden aufkam.
„Das ist definitiv nicht mein Tag.“
Über mir hörte ich plötzlich eine vertraute Stimme.
„Wie habt Ihr es schon wieder geschafft, Euch in Schwierigkeiten zu bringen?“, rief Prachtstaffelschwanz und lehnte sich über ein Loch, das weit über mir zu sehen war.
„Es geht mir gut. Danke der Nachfrage!“, brüllte ich nach oben und brachte etwas Abstand zwischen mich und den Oger.
Beim Erbauer, warum griff der mich überhaupt an? Ich wollte seine Schätze nicht!
„Können wir nicht darüber reden?“, startete ich einen - wie sich schnell heraus stellte - erfolglosen Versuch, vernünftig mit dem Oger zu sprechen.
Er gehörte zu der hirnlosen Sorte, schon verstanden.
„Passt auf, der Kerl scheint keinen Spaß zu verstehen“, sagte Herr Prachtstaffelschwanz und versuchte gerade einen Weg zu mir nach unten zu finden. Allerdings gab es da wohl keine Möglichkeit.
„Danke für den Tipp! Habt Ihr noch einen parat?“, fragte ich schnippisch und rannte vor dem Oger weg, der versuchte, mich mit seiner Axt zu vierteilen.
„Ja, einen hab' ich noch. Weniger wegrennen und mehr kämpfen“, rief der Prinz zu mir herunter.
Ich verengte die Augen. „Das sagt sich so leicht, wenn man ein Schwert schwingen kann, das fast so groß ist, wie man selbst!“
Ich schrie auf, als die Axt des Ogers auf mich zugeflogen kam.
In letzter Sekunde duckte ich mich und die Waffe blieb über mir in einer Wand stecken.
„Hey, Waffen werfen ist unfair!“, rief ich und rannte auf die andere Seite des Raumes.
So konnte das nicht ewig weitergehen! Ich brauchte einen Plan!
Denk' nach, Quetzal! Denk nach!
Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht bemerkte, dass der Oger plötzlich neben mir stand, mein Bein packte und mich kopfüber in der Luft hängen ließ.
„Das ist eindeutig nicht mein Tag“, jammerte ich hilflos.
War das nicht normalerweise der Moment, in dem Morpheus oder Morgana auftauchten, um mir zu helfen? Die ließen sich heute wirklich viel Zeit.
„Vögelchen zerquetschen“, grummelte der Oger und stupste mich mit seiner freien Hand unsanft an.
„Nein, Vögelchen soll man nicht zerquetschen! Böser Oger!“, sagte ich und versuchte mich aus seinem Griff zu befreien.
Der Oger schnüffelte kurz an mir und sabberte mich dann an.
Ogersabber, ganz toll.
„Ihr habt drei Sekunden, um sie herunter zu lassen“, erklang hinter uns auf einmal eine Stimme.
Ich lächelte glücklich. Fräulein Nachtigall.
Sie saß auf ihrem Einhorn und flog gerade auf den Boden des Raumes.
„Drei.“
„Ihr solltet auf sie hören, Oger.“
„Zwei.“
„Sie meint es ernst, glaubt mir.“
„Eins.“
„War schön, Euch kennengelernt zu haben.“
Die Magierin zögerte nicht lange, schwang ihre Waffe und einen Augenblick später traf ein Feuerball den Oger, der zu Boden ging.
Dummerweise auch ich.
„Geht es Euch gut, Kommandantin?“, fragte Nachtigall, kam auf mich zu und reichte mir ihre Hand, um mir aufzuhelfen.
„Danke. Es geht mir auf jeden Fall besser als dem Oger“, meinte ich und deutete auf das Wesen, das nun ohnmächtig in einer Ecke des Raumes lag.
Mit Hilfe von Nachtigalls Einhorn flogen wir zu Herr Prachtstaffelschwanz hinauf und gingen zum Eingang der Höhle zurück.
„Irgendwie kam mir der Oger bekannt vor“, meinte der Prinz nach einer Weile.
Ich runzelte die Stirn. „Woher denn?“
„Ich glaube, er wird steckbrieflich gesucht. Ich bin mir aber nicht sicher.“
Ich blieb abrupt stehen. „Steckbrieflich gesucht? Nein, nein, nein!“
Augenblicklich lief ich zu dem Loch zurück, durch das man in den Raum des Ogers sehen konnte.
Wie befürchtet waren alle Schätze, die ich gesehen hatte, weg. Und auch der Oger war gerade drauf und dran, zu verschwinden. Und der Grund war nur zu klar.
„Bleibt sofort stehen, Kopfgeldjäger! Im Namen der Heldentruppe befehle ich es Euch!“, schrie ich zu den zwei Frauen herunter, die gerade dabei waren, das Wesen aus der Höhle zu schleppen. Und da war tatsächlich noch ein Mann mit Mütze, der ihnen dabei half.
Fräulein Amethystglanzstar sah zu mir hinauf.
„Ah, das Fräulein Kommandantin. Zu spät, wie immer“, spottete sie und deutete auf den Oger. „Vielen Dank für Eure Hilfe. Wir hätten den Oger zwar auch allein überwältigen können, aber warum sich die Hände schmutzig machen, wenn man Aushilfshelden hat, die sich darum kümmern können?“
Unerhört!
„Wir sind keine Aushilfshelden! Ihr sprecht hier mit einem Oberhaupt dieses Landes! Ihr solltet gefälligst mehr-“
Ich brach ab, als direkt neben meinem Gesicht ein Pfeil vorbei flog.
Wortlos sank ich zu Boden und starrte den Kerl an, der mich um wenige Millimeter verfehlt hatte.
„Anstatt uns mit leeren Worten zu langweilen, solltet Ihr an Eurer Magie feilen. Eure heutige Vorstellung war mehr als peinlich. Beim nächsten Mal werde ich aus Versehen treffen.“
Das war doch wohl...!
Hinter dem Mann tauchte auch noch Fräulein Berghüttensänger auf, die mich frech angrinste.
„Ihr habt Herr Habichtfalke gehört. Der macht keine Scherze“, sagte sich kichernd.
Mittlerweile waren auch Fräulein Nachtigall und Herr Prachtstaffelschwanz wieder bei mir.
„Was ist das denn für ein Vogel?“, fragte der Prinz und deutete auf den Mann mit Mütze.
„Ein unhöflicher, skrupelloser Wahnsinniger ist das!“, brüllte ich ungehalten und warf einen Stein nach den Kopfgeldjägern, den Habichtfalke mit einem weiteren Pfeil einfach abwerte.
Der war beängstigend gut.
„Ich wiederhole mich ungern, Kommandantin. Beim nächsten Mal wird mir ein Versehen passieren“, sagte er, bevor er zusammen mit den beiden Kopfgeldjägerinnen und dem Oger verschwand.
Ich atmete tief ein und aus.
„Warum immer ich? Was habe ich getan?“, jammerte ich und klammerte mich an Fräulein Nachtigall, die meinen Ausbruch über sich ergehen ließ.
Wenn ich diese miesen Kopfgeldjäger in die Finger bekam...! Nachtigall und Prachtstaffelschwanz würden ihnen schon das Fürchten lehren...!
„Gehen wir nach Hause“, schlug Fräulein Nachtigall nach einer Weile vor und ich nickte niedergeschlagen.

Das war eindeutig nicht mein Tag.
Morpheus Kolkrabe - 16. Apr, 20:08

zielsicher

Uh, dieser Habichtfalke ist ja nicht von schlechten Eltern. Der kann auch gerne mal auf mich zielen, wenn er will. ... Und natürlich auch ganz andere Sachen mit mir machen. >:D

Kommandantin Quetzal - 16. Apr, 20:29

o_O

Erspart mir die Einzelheiten...
logo

Vogelherzen

Aktuelle Beiträge

Kapitel 1: Das Schicksal...
Der Hort der Magier war einer der Orte, die nicht besser...
Kommandantin Quetzal - 21. Apr, 20:57
>_>
Eure Schwester hat andere Methoden... >_>
Kommandantin Quetzal - 17. Apr, 19:58
Falsch verstanden?
Ihr habt schon begriffen, dass Ihr der Antagonist dieses...
Kommandantin Quetzal - 17. Apr, 19:57
Beileid.
Ich wünsche dem Prinzen alles Glück der Welt, wenn...
Kommandantin Quetzal - 16. Apr, 20:30
o_O
Erspart mir die Einzelheiten...
Kommandantin Quetzal - 16. Apr, 20:29

Allgemeines
Alte Erzählungen
Ereignisse
Erzählungen
Lexikon
Märchen
Vorgeschichte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren